Demenz – "Was passiert da mit Mama?"
Menschen mit fortgeschrittener Demenz können oft nicht mehr selbst erzählen, was sie geprägt hat, was ihnen Freude macht oder warum sie bestimmte Dinge tun. Altenpflegerin Laura Mersmann spricht deshalb schon bevor sie in das LWL-Klinikum Gütersloh aufgenommen werden mit ihren Angehörigen – und bringt deren Wissen in den Stationsalltag ein.
Sie hat sich zum Demenz-Coach fortgebildet und sorgt dafür, dass Menschen gut in der Klinik ankommen und auch Angehörige unterstützt werden.
„Ich fand es sehr gut, dass sie das alles vorher wissen wollten.“
Im Jahr 2024 bekam Katja Schäfers damals 84-jährige Mutter die einschneidende Diagnose: Demenz. Danach ging es sehr schnell. „Mama konnte irgendwann nicht mehr alleine sein“, sagt Katja Schäfer, die ein sehr enges Verhältnis zu ihrer Mutter hatte. „Sie ist ständig losgelaufen, war unruhig und hat schlecht geschlafen, manchmal war sie auch aggressiv.“
Um sie grundlegend zu diagnostizieren und medikamentös einzustellen, wurde die Mutter auf die Station G1 des Zentrums für Altersmedizin im LWL-Klinikum Gütersloh aufgenommen, die darauf spezialisiert ist, herausfordernde Verhaltensweisen von dementen Patientinnen und Patienten zu behandeln. Für Katja Schäfer war das ein großer Schritt: Sie musste ihre Mutter anderen Menschen anvertrauen.
Umso wichtiger wurde ein Gespräch, das stattfand, bevor ihre Mutter überhaupt auf der Station angekommen war. „Ich konnte erzählen, was meine Mutter gerne isst, dass sie immer gerne draußen war und sich viel bewegt hat“, sagt Katja Schäfer. Es ging um Gewohnheiten und Vorlieben und darum, wie sich das Verhalten der Mutter durch die Demenz verändert hatte. „Ich fand es sehr gut, dass sie das alles vorher wissen wollten.“
"Wir wussten nicht, was für ein Mensch wirklich dahintersteckt.“
Das Angebot der so genannten vorstationären Biografiearbeit in der LWL-Klinik hat Laura Mersmann entwickelt. Sie ist Altenpflegerin, hat in einer Demenz-WG gelernt und später eine zweijährige Weiterbildung zum Demenz-Coach absolviert. „Ich liebe es, mit Demenzerkrankten zu arbeiten“, sagt sie.
Im Rahmen der Weiterbildung sollte sie ein eigenes Projekt entwickeln und begann darüber nachzudenken, was auf ihrer Station noch besser laufen könnte. Dabei fiel ihr eine Lücke auf: „Wir hatten natürlich die medizinischen Informationen. Da steht dann zum Beispiel vaskuläre Demenz, Hinlauftendenz oder nächtliche Unruhe. Aber wir wussten nicht, was für ein Mensch wirklich dahintersteckt.“
Das sei aber gerade bei fortgeschrittener Demenz entscheidend, weil viele Betroffene selbst nicht mehr erzählen könnten, was sie früher gearbeitet haben, was ihnen Freude macht oder warum sie in bestimmten Situationen so reagieren. „Und dann sind die Angehörigen für uns unglaublich wichtig.“
Hobbys, Essen, Schlafgewohnheiten
Aus dem Weiterbildungsprojekt ist inzwischen ein fester Bestandteil von Laura Mersmanns Arbeit geworden. Einen Tag pro Woche ist sie von der regulären Pflege freigestellt. Dann schaut sie, welche Patientinnen und Patienten demnächst aufgenommen werden, ruft deren Angehörige an und trifft sie oft auch in der Klinik.
Mehr als 100 solcher Gespräche hat sie inzwischen geführt, für die sie einen Fragebogen entwickelt hat. Darin fragt sie nach Beruf und Hobbys, nach Essen, Schlafgewohnheiten, sozialem Umfeld und Dingen, die einem Menschen Sicherheit geben. Gleichzeitig lässt sich früh erkennen, ob beispielsweise der Sozialdienst eingebunden werden muss. „So können wir uns schon auf einen Menschen vorbereiten, bevor er überhaupt auf die Station kommt“, sagt Laura Mersmann. Und auch den Angehörigen nehme das Gespräch Unsicherheit.
Wertvolles Wissen
Jessica Freund, die die Station G1 leitet, hält dieses Wissen für einen wichtigen Teil der Versorgung. 25 stationäre Betten gibt es hier, 35 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gehören zum Team. Aufgenommen werden unter anderem Menschen mit Demenz, bei denen die Situation zu Hause oder in einer Pflegeeinrichtung akut schwierig geworden ist.
Manche entwickeln eine starke Hinlauftendenz, andere leiden unter nächtlicher Unruhe, einem verschobenen Tag-Nacht-Rhythmus oder akuten Verwirrtheitszuständen. Die Station soll sie behandeln und stabilisieren, bevor sie wieder nach Hause oder in eine geeignete Einrichtung wechseln können.
Gerade in solchen Situationen könne die Lebensgeschichte helfen, Verhaltensweisen einzuordnen, sagt Jessica Freund. Sie erzählt von einem Patienten, der morgens Punkt vier Uhr aufsteht. Erst die Angehörigen erklären, dass er jahrzehntelang zu dieser Uhrzeit zur Arbeit gefahren ist. Ein anderer versucht immer wieder, Tische und Stühle auseinanderzubauen. „Und dann erfahren wir: Ja klar, der Mann war Tischler. Das hat er 40 oder 50 Jahre lang gemacht.“
Das Verhalten verschwindet durch dieses Wissen nicht, aber der Blick darauf verändert sich. „Das erfahren wir häufig nicht mehr von den Patientinnen und Patienten selbst, weil sie auf diese Erinnerungen nicht mehr zugreifen können oder weil es sprachlich gar nicht mehr funktioniert“, sagt Jessica Freund. Die Angehörigen können zudem wichtige Hinweise auf belastende Erlebnisse geben, die möglicherweise hinter Unruhe oder Ängsten stehen. „Beziehungsarbeit ist das A und O in der Demenzversorgung.“
Schnittstelle Demenz-Coach
Laura Mersmanns Arbeit endet zudem nicht mit der Aufnahme. Sie versucht, eine Schnittstelle zwischen Angehörigen, Pflege und Sozialdienst zu sein. Bei Katja Schäfers Mutter wurde das wichtig, als klar war, dass diese nach dem Klinikaufenthalt eine neue Einrichtung brauchte. „Mir war wichtig, dass Frau Schäfer nicht fünf Leute anrufen musste, um ans Ziel zu kommen“, sagt Laura Mersmann. Sie stellte Kontakte her und unterstützte sie bei der Suche nach einer geeigneten weiteren Versorgung.
Nach dem Aufenthalt auf der Station G1 in Gütersloh zog Katja Schäfers Mutter in eine andere Einrichtung. Dort lebte sie noch einige Monate, zwischenzeitlich musste sie nach einem Oberschenkelbruch erneut ins Krankenhaus. Am 2. Juni dieses Jahres ist sie gestorben. Wenn Katja Schäfer heute auf die Zeit im LWL-Klinikum zurückblickt, erinnert sie sich vor allem daran, wie gut sie sich und ihre Mutter begleitet fühlte. „Ich war sehr dankbar dafür, wie das alles geklappt hat“, sagt sie.
Meine Mutter wurde hier eben nicht nur als Patientin gesehen, sondern als ganzer Mensch.
Katja Schäfer, Tochter
Welt-Alzheimer-Tag und Woche der Demenz
Am 21.09.2026 ist Welt-Alzheimer-Tag und vom 21.09.-27.09.2026 bundesweite Woche der Demenz. Einige LWL-Einrichtungen bieten Veranstaltungen dazu an:
"Demenz – (k)eine Frage des Alters"
Der Arbeitskreis Demenz veranstaltet in Münster vom 21. bis 27. September 2026 die "Woche der Demenz". Die LWL-Klinik Münster gestaltet den Arbeitskreis Demenz maßgeblich mit. Chefarzt Tilman Fey ist Sprecher des Arbeitskreises. Vor allem folgende Veranstaltungen finden unter Beteiligung von LWL-Expert:innen statt:
Aktionsstand auf dem Wochenmarkt Münster – 19.09.2026, 07:00–14:30 Uhr
Mitglieder das Arbeitskreises Demenz informieren auf dem Wochenmarkt zum Programm der „Woche der Demenz“ unter dem Motto „Demenz – (k)eine Frage des Alters“ und zu Beratungs- und Unterstützungsangeboten für betroffene Personen sowie deren An- und Zugehörige in Münster.
Vorträge zu Unterstützungsangeboten für jung Erkrankte – 21.09.2026, 17:30–19:30 Uhr
Die Veranstaltung „Demenz – (k)eine Frage des Alters“ beleuchtet das Thema aus verschiedenen Perspektiven. Drei Fachvorträge geben Einblicke in medizinische Grundlagen, sozialrechtliche Unterstützungsmöglichkeiten sowie die Möglichkeiten von „Selbsthilfeangeboten“ für Menschen, die bereits in jüngeren Jahren an Demenz erkranken.
- "Demenzerkrankungen Jüngerer - was sind die medizinischen Besonderheiten?" Dr. Tilman Fey, CA Abt. Gerontopsychiatrie, LWL-Klinik Münster
- "Sozialrechtliche Unterstützungsmöglichkeiten für junge demenzerkrankte Menschen" Anja Primus, Sachbereichsleiterin für Grundsätzliche Angelegenheiten der Eingliederungs- und Sozialhilfe des LWL
- "Integriertes Betreuungs- Selbsthilfeangebot für Angehörige und jung an Demenz erkrankte Menschen" Stefanie Kalter, Sozialarbeiterin, Abt. Gerontopsychiatrie, LWL-Klinik Münster
Die Veranstaltung findet als Hybrid-Veranstaltung statt und kann sowohl vor Ort in dem VHS-Forum als auch online besucht werden.
Tag der offenen Tür der Gerontopsychiatrischen Tagesklinik der LWL-Klink Münster – 24.09.2026, 15:30–17:30 Uhr
- Ärztliche Impuls-Vorträge (Unterscheidung zw. Gedächtnisstörungen bei Depression bzw. bei Demenz)
- Information zu (psycho-) therapeutischen Fragestellungen
- Vorstellung der ergotherapeutischen Angebote sowie des Konzepts „Aromatherapie“
- Präsentation des „Klangschalen-Raumes“
- Information zur Beratung durch den Sozialen Dienst
- Austausch bei kleinem Snack und Getränk
Elke Koling, Chefärztin an der LWL-Klinik Hemer, informiert am Montag (21.9.2026) in Iserlohn und am Donnerstag (24.9.2026) in Hemer.
Am 09.12.2026 veranstaltet die LWL-Klinik Lengerich mit der Lokalen Allianz für Menschen mit Demenz den nächsten Tanztee.
Hintergrund
Was ist eine Alzheimer-Demenz und welche Anzeichen und Beschwerden treten bei der Erkrankung auf?
Die Alzheimer-Demenz ist eine Krankheit des Gehirns. Sie tritt typischerweise erst in einem höheren Alter auf. Im Gehirn der erkrankten Personen sterben nach und nach Nervenzellen ab. Auch die Verbindungen zwischen den Nervenzellen funktionieren nicht mehr richtig.
Zu Beginn der Erkrankung fällt es den betroffenen Personen schwer, sich Neues zu merken. Es kommt zu leichten Störungen des Gedächtnisses und der Konzentration. Auch fällt es ihnen immer schwerer, sich an Gesprächen zu beteiligen. Im weiteren Verlauf der Erkrankung lassen die Leistungen des Gedächtnisses mehr und mehr nach. Die betroffenen Personen können sich kaum noch etwas merken. Auch über lange Zeit vertraute Kenntnisse und Fähigkeiten können nicht mehr erinnert werden. Bei einem Teil der Erkrankten kommt es zu Störungen der räumlichen Orientierung. Sie verlaufen sich und können nicht mehr nach Hause finden. Selbst vertraute Menschen werden in manchen Fällen nicht mehr erkannt. Auch ändern die betroffenen Menschen ihr Verhalten. Viele werden nervöser, ängstlicher und gereizter, mitunter auch aggressiv.
In späten Stadien können sich die Betroffenen nicht mehr durch das Wort verständigen. Ihre Gefühlswahrnehmungen und Gefühlsäußerungen bleiben jedoch sehr lange erhalten. In der letzten Phase der Erkrankung kommt er zu erheblichen körperlichen Störungen. Jetzt sind viele Betroffene bettlägerig und auf dauerhafte Pflege angewiesen.
Das LWL-Zentrum für Altersmedizin Gütersloh im LWL-Klinikum Gütersloh
Das LWL-Zentrum für Altersmedizin im LWL-Klinikum Gütersloh vereint die Fachbereiche Neurologie, Innere Medizin, Gerontopsychiatrie und Geriatrie unter einem Dach. Ziel ist eine ganzheitliche, eng abgestimmte Versorgung älterer Menschen mit körperlichen und psychischen Erkrankungen.