„Mein Kind ist nicht eingeschränkt, weil ich im Rollstuhl sitze“
Wie Elternassistenz Mütter und Väter mit Behinderung unterstützen kann
Wie Elternassistenz Mütter und Väter mit Behinderung unterstützen kann
Melanie Seifert sitzt im Rollstuhl. Sie leidet an einer schweren Nervenschmerzkrankheit im Bein. Allen Vorurteilen zum Trotz entscheidet sie sich Mutter zu werden. Und kann diese Rolle selbstbestimmt ausfüllen – dank Elternassistenz.
1 | Entscheidung zur Elternschaft
„Zu wissen, dass mir Elternassistenzen helfen werden, hat uns Mut gemacht, ein Kind zu bekommen“, sagt Melanie Seifert. Die 38-Jährige leidet am sogenannten CRPS, auch Morbus Sudeck genannt. „Ich muss täglich Morphin nehmen, um den Alltag mit meiner Tochter überhaupt bestreiten zu können“, sagt sie.
Gemeinsam mit ihrem Mann stellt sie sich früh die Frage, wie Elternschaft mit Behinderung gelingen kann. Die Antwort findet sie unter anderem im Austausch mit anderen Müttern im Rollstuhl – und in der Möglichkeit einer Elternassistenz. „Das hat mir alle Bedenken genommen“, sagt Melanie Seifert.
2 | Unterstützung im Alltag
Diese tägliche Unterstützung ist für die dreiköpfige Familie lebensverändernd. Melanie Seiferts Mann arbeitet als Arzt auswärts und ist häufig nicht zuhause. Die meisten Aktivitäten mit ihrer Tochter unternimmt sie deshalb allein – mit Unterstützung der Assistenz.
Die fünfjährige Anastasia ist ein aufgewecktes Mädchen. Sie besucht die Kita, reitet, macht Ballett und trifft Freund:innen. Dabei stößt Mutter Melanie regelmäßig auf massive Hürden. „Ich kann nicht alleine durch die Türen in das Kita-Gebäude, ich kann meine Tochter nicht beim Reiten begleiten oder in die Etagenwohnung der Freundin, wenn es keinen Fahrstuhl gibt“, erklärt sie.
Deshalb wird die Familie täglich von Elternassistent:innen begleitet. Die Leistung finanziert der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL), bereitgestellt werden die Assistenzkräfte von verschiedenen Firmen. Für Melanie Seifert übernimmt die Firma “All We You” die Organisation. „Unser Ziel ist es, die Familie im Alltag so zu unterstützen, dass Anastasia die gleichen Chancen hat wie andere Kinder", sagt Firmenleiter Dennis Schwering. Melanie Seifert ist dankbar für dieses Engagement: „Dadurch kann meine Tochter überall teilhaben und ist nicht eingeschränkt, weil ich im Rollstuhl sitze.“, sagt sie.
3 | Was macht eine Elternassistenz?
Meike Holler ist eine der Assistenzkräfte, die sich in Schichten abwechseln. Sie hilft im Haushalt, beim Wechsel in den motorisierten Rollstuhl und beim Verlassen der Wohnung. Außerdem begleitet sie Melanie Seifert und Anastasia zur Kita und auf den Spielplatz. „Ich unterstütze Melanie an allen Stellen, an denen es aufgrund ihrer Erkrankung nötig ist“, erklärt sie.
Dabei geht es nicht darum, Melanie Seiferts Rolle als Mutter zu übernehmen. Im Gegenteil: Die Assistenz schafft die Voraussetzungen dafür, dass sie ihre Rolle als Mutter selbstbestimmt ausfüllen kann. „Sie greift nicht in die Erziehung meiner Tochter ein. Ich habe weiterhin die Freiheit, Mutter nach meinen Vorstellungen zu sein“, sagt Melanie Seifert.
4 | Was bewirkt die Elternassistenz?
Das Verhältnis zwischen der Fünfjährigen und den Assistenzkräften ist sehr vertraut. „Sie gehören schon zur Familie. Ein Leben ohne die Assistenzkräfte wäre für mich trostlos“, sagt Melanie Seifert.
Dabei geht es nicht darum, Melanie Seiferts Rolle als Mutter zu übernehmen. Im Gegenteil: Die Assistenz schafft die Voraussetzungen dafür, dass sie ihre Rolle als Mutter selbstbestimmt ausfüllen kann. „Sie greift nicht in die Erziehung meiner Tochter ein. Ich habe weiterhin die Freiheit, Mutter nach meinen Vorstellungen zu sein“, sagt Melanie Seifert.
5 | Elternassistenz als Teil der Eingliederungshilfe
Elternassistenz ist eine Assistenzleistung für Mütter und Väter mit Behinderungen bei der Versorgung und Betreuung ihrer Kinder. Rechtliche Grundlage ist der § 113 Abs. 2 Nr. 2 in Verbindung mit § 78 Abs. 3 Sozialgesetzbuch Neuntes Buch.
Ziel der Leistung ist, Eltern mit Behinderungen gemeinsam mit ihren Kindern eine möglichst selbstbestimmte und eigenständige Bewältigung des Alltags zu ermöglichen. Dabei geht es zum Beispiel um einfache Assistenzleistungen wie Handreichungen und das Übernehmen von Tätigkeiten für Eltern mit körperlichen Einschränkungen oder um eine pädagogische Anleitung, Beratung und Begleitung bei Eltern mit einer kognitiven Einschränkung bei der Wahrnehmung der Elternrolle.
Die Leistung kann in der eigenen Wohnung, in einer Pflege- beziehungsweise Gastfamilie oder auch in einer sogenannten Mutter-Kind-Einrichtung erfolgen. Neben der Elternassistenz können bei Bedarf auch noch andere Assistenzleistungen in Anspruch genommen werden.