„Das sind alles unsere Kinder.“
Nähe, Verantwortung, permanente Aufmerksamkeit.
Walburga und Norbert Böing leben mit drei Pflegekindern, von denen zwei eine Behinderung haben – und sie zeigen, was Familie jenseits von Institutionen bedeutet. Der Kaffeetisch ist gedeckt, der Tag ist durchgetaktet. Hinter dem scheinbar alltäglichen Tagesablauf der Familie Böing steckt ein Leben, das von Nähe, Verantwortung und permanenter Aufmerksamkeit geprägt ist. Einblicke in eine Pflegefamilie, die mehr ist als ein Modell.
1 | Familienleben
Der Kaffee läuft noch durch, während Walburga Böing den Tisch deckt. Sie ist schnell, konzentriert bei der Arbeit, arrangiert einen Marmorkuchen und ein großes Blech mit Bienenstich, beides selbstgebacken. Nach ein paar Minuten geht sie in den Nachbarraum, das Wohnzimmer mit Blick in den schönen Garten. Dort sitzt Julien vor dem Fernseher. Als sie ihn anspricht reagiert er nicht;, erst als sie ihn vorsichtig berührt und ihm dann auf die Beine hilft, schaut er sie kurz an. Cederik hingegen kommt von allein in die Küche, er ist selbstständiger. Schließlich öffnet sich genau um 16.15 Uhr die Haustür, Walburga Böings Mann Norbert kommt von der Arbeit. Er zieht sich kurz um, dann geht es los mit dem Kaffeetrinken.
Was nach einem gewöhnlichen Familienritual aussieht, ist für die Böings Teil eines durchstrukturierten Tages. Das Paar, das in Südlohn lebt, hat drei eigene Kinder – und drei weitere, die es als Pflegekinder aufgenommen hat. Das Besondere: Die drei haben alle Unterstützungsbedarf. Cederik (29) und Julien (21) haben das Down-Syndrom, einen schweren Herzfehler sowie weitere angeborene Schädigungen und eine ganze Reihe Erkrankungen. Alina (26), die heute nicht da ist, war ein Frühchen; sie benötigt erhöhte Unterstützung im Alltag.
2 | „Wohnfamilie“
Dass Walburga Böing diesen Weg gegangen ist, hat viel mit ihrer eigenen Geschichte zu tun. Sie wächst mit einem Bruder mit einer Behinderung auf, der im Alter von vier Jahren in ein Heim kommt. „Als Kind fand ich es schwierig, ihn nach einem Besuch wieder zu verlassen“, erinnert sich Walburga Böing. Später arbeitet sie in der Behindertenhilfe, übernimmt Pflege und Betreuung, häufig im Nachtdienst. „Das hat mir gelegen“, sagt sie. „Ich wusste, was zu tun ist.“ Daneben gibt es andere Jobs, andere Phasen. Aber der Bezug zur Pflege bleibt. Immer wieder kehrt sie dorthin zurück.
Parallel dazu baut sie mit ihrem Mann Norbert eine eigene Familie auf, mit zwei Kindern aus ihrer ersten Ehe, einem aus der gemeinsamen. Die drei werden älter, irgendwann werden sie auch ausziehen. In dieser Zeit entsteht ein neuer Gedanke. „Wir haben uns gefragt: Was machen wir mit unserem Leben?“ Die Antwort ist kein spontaner Entschluss, sondern entwickelt sich über Jahre. „Ich habe mir schon immer gewünscht, eine Wohnfamilie zu gründen und Kindern ein sicheres, gutes, schönes Zuhause zu bieten“, erzählt Walburga Böing. Ein Zuhause, in dem Betreuung nicht endet, wenn jemand Feierabend hat, in dem Beziehungen entstehen können, weil die Zeit dafür da ist.
3 | Unterstützung
Als Cederik vor 29 Jahren als Kleinkind zu ihnen kommt, wird diese Idee konkret. Dreieinhalb Jahre später folgt Alina, vor 17 Jahren Julien. Die Vermittlung erfolgte über das Martinistift
der Alexianer, das die Familie auch heute noch begleitet. Die beiden heute jungen Männer werden zugleich im Rahmen der so genannten Eingliederungshilfe unterstützt, die Menschen mit Behinderungen eine gleichberechtigte Teilhabe am Leben in der Gesellschaft ermöglicht. Der Landschaftsverband Westfalen-Lippe wiederum finanziert diese Leistung und berät und begleitet die Familien über den STEPPKE-Verbund, der aus regionalen Anbietern besteht.
„Diese Pflegefamilien bieten Geborgenheit, Geduld und neue Perspektiven und machen Entwicklung möglich. Der Verbund steht ihnen zur Seite, weil gelingende Pflegeverhältnisse nicht nur vom Herzen, sondern auch von fachlicher Begleitung getragen werden“, sagt Kristina Klare. „Unser Ziel ist es, mehr Kindern mit Behinderung ein Aufwachsen in einer Familie statt in einer Einrichtung zu ermöglichen: mit mehr Nähe, mehr Stabilität und einer verlässlichen Beziehung im Alltag“, erklärt die Leiterin im LWL-Referat Soziale Teilhabe für Kinder und Jugendliche, die für den STEPPKE-Verbund verantwortlich ist. „Pflegefamilien wie die von Walburga Böing sind dabei ein zentraler Bestandteil des Systems – und gleichzeitig selten.“ Entscheidend für die Aufnahme eines Kindes sind Zeit, Verlässlichkeit und die Bereitschaft, das eigene Leben entsprechend auszurichten, sagt Kristina Klare. Sie macht auch klar, dass es sehr ungewöhnlich ist, dass eine Familie gleich drei Pflegekinder aufnimmt, von denen zwei eine Behinderung haben.
4 | Alltag
Für Walburga Böing und ihren Mann bedeutet das im Alltag, dass sie mehr oder weniger ununterbrochen im Einsatz sind. Der Tag beginnt meist zwischen fünf und sechs Uhr. Einen festen Wecker braucht Walburga Böing nicht. „Ich bin wach, bevor es losgeht“, sagt sie. „Das hat sich so eingespielt.“ Ihr erster Weg führt zu Cederik. Morgens muss er vomBeatmungsgerät abgekoppelt werden, danach folgt die komplette Pflege.
Julien braucht ebenfalls Unterstützung, vor allem Zeit und Begleitung. Parallel dazu organisiert Walburga Frühstück, Medikamente und den Ablauf des Tages. Weil Julien seit dem Jahr 2021 Leukämie hat, konnte er lange Zeit keine Schule oder andere öffentliche Orte besuchen. Alleine lassen konnte ihn Walburga Böing aber auch nicht. Mittlerweile nimmt Julien an einer Studie teil, die „bösen Zellen“, wie sie Walburga Böing nennt, sind weg.
5 | Abläufe
Dennoch bleibt es aufwändig, wenn sie das Haus verlassen will. Sie muss für beide jungen Männer einen Rollstuhl mitnehmen, ob für Klinik- und Arztbesuche, Spaziergänge oder Einkäufe. Auch das Mittagessen ist kein ruhiger Moment, sondern ein koordinierter Ablauf:. Wer bekommt wann Unterstützung, was muss vorbereitet werden, wer braucht mehr Zeit? Nach dem Essen wird es dann ein bisschen leiser. Julien und Cederik ziehen sich zurück. Für einen Moment entsteht so etwas wie Ruhe – aber keine Pause.
Danach geht die Familie gerne an die frische Luft, zum Beispiel mit einem Spezialfahrrad, das hinter dem Haus steht, oder auf das große Bett im Freien, dass Walburga Böing im vergangenen Jahr für die Mittagspausen gekauft hat. Nach dem Kaffeetrinken und dem Abendessen – „die Mahlzeiten sind für die Jungs das Wichtigste am Tag“ – folgt die Nacht. Auch diese verläuft oft nicht ruhig, einer der beiden liegt falsch, die Beatmung funktioniert nicht richtig.
6 | Nichts bereuen
Durchschlafen kennt Walburga Böing kaum. Sie setzt sich kurz noch einmal an den Tisch, während ihr Mann mit Cederik und Julien noch im Garten ist. „Ich werde oft gefragt, wie wir das durchhalten“, sagt sie. Sie überlegt kurz. „Ich habe vorher nicht gewusst, ob ich ein Pflegekind so annehmen kann wie meine eigenen. Aber das wissen wir nun, es ist so, auch vom Gefühl her. Das sind alles unsere Kinder.
Wir haben keines der 29 Jahre als Pflegeeltern bereut und würden uns immer wieder so entscheiden.“ Walburga Böing schaut nach draußen, auf die beiden. „Ich sehe außerdem jeden Tag, was es den beiden bringt, dass sie hier ihren Platz haben. Dass sie sich freuen, wenn wir zusammensitzen.“ Sie macht eine kleine Pause. „Und das kommt auch zurück. Nicht in großen Worten. Aber man merkt es.“
7 | Der STEPPKE-Verbund
Soziale Teilhabe in Pflegefamilien für Kinder und Jugendliche in der Eingliederungshilfe
STEPPKE-Pflegefamilien bieten Kindern und Jugendlichen einen liebevollen und entwicklungsfördernden Rahmen zum Aufwachsen.
STEPPKE richtet sich speziell an Kinder und Jugendliche mit (drohender) Behinderung, die aus unterschiedlichen Gründen nicht bei ihren Eltern aufwachsen können.