Vorlesen, Vorschule, Vorstellungskraft
Warum Bücher für Kinder so wichtig sind
Die Kita „Unser Fritz“ in Herne ist eine Literaturkita – Bücher, Geschichten und literaturpädagogische Angebote gehören hier im Alltag dazu.
Geschichten machen Kinder stark
„Schau mal da!“ – Hanna hält ein Buch in die Höhe. Sofort rücken die anderen Kinder näher und beugen sich neugierig über die bunten Seiten. Mit ihrer Erzieherin sprechen sie darüber, was die Figuren in der Geschichte erleben und wie sie sich dabei möglicherweise fühlen. Aus einer Geschichte wird ein Gespräch über das eigene Leben.
Solche Momente gehören in der Kita „Unser Fritz“ in Herne zum Alltag. Bücher und Geschichten eröffnen neue Welten. Sie helfen den Kindern, Themen zu verstehen, die im Alltag manchmal schwer greifbar sind wie Gefühle, Freundschaft oder Konflikte.
Mal begegnen die Kinder Dinosauriern, mal reisen sie in Fantasiewelten oder erleben mit den Protagonist:innen Situationen, die sie selbst noch nicht kennen. Dabei lernen sie auch, ihre eigenen Gefühle wahrzunehmen und auszudrücken.
„Jedes Kind liest Bücher oder verwendet Bücher anders, und es ist alles nebeneinander richtig. Und jedes Kind erlebt sich dann als richtig“, sagt Ulrike Stapel, die seit 16 Jahren als pädagogische Fachkraft in der Kita arbeitet. Sie hat das Konzept in Herne mit entwickelt.
Vorlesepatenschaft
Einmal in der Woche kommt Vorlesepatin Ulrike Granz die Kita in Herne. Gemeinsam mit den Kindern taucht sie in neue Geschichten ein.
Oft entdecken die Kinder dabei Details, die Erwachsenen entgehen. Sie überlegen, wie sie selbst handeln würden, und versetzen sich in die Figuren hinein. So werden Geschichten zu gemeinsamen Erlebnissen. Damit diese Erfahrungen nicht an der Kita-Tür enden, dürfen die Kinder Bücher mit nach Hause nehmen. Denn Vorlesen kann neben den Kindern auch Generationen, Sprachen und Kulturen verbinden.
Beitrag zu mehr Chancengerechtigkeit
Für Romy Blanke vom LWL-Bildungszentrum Jugendhof Vlotho ist klar: „Geschichten machen Kinder stark.“ Sie entwickelt die Fortbildungsangebote für Kita-Fachkräfte stetig weiter. „Durch Bücher die Welt zu entdecken, das können soziale Medien nicht auffangen", sagt Romy Blanke. Denn neben der Vorstellungskraft fördern Geschichten auch die Sprachfähigkeit von Kindern.
„Die Sprachfähigkeit von Kindern, denen vorgelesen wird, ist viel höher als von Kindern, die dieses Privileg nicht erfahren", sagt Romy Blanke. "Um in der Schule gut an Bildung teilhaben zu können, überhaupt teilhaben zu können an Gesellschaft, dafür ist Sprache der Schlüssel."
Geschichten fördern Sprache und Fantasie. Sie ermutigen Kinder, sich etwas zuzutrauen, Neues auszuprobieren und an sich selbst zu glauben. Wer erlebt, wie die Figuren in den Büchern Herausforderungen meistern, gewinnt oft auch Mut für den eigenen Alltag. Gerade beim Übergang von der Kita in die Schule kann das eine wichtige Unterstützung sein.
Wie wird man „Literaturkita“?
„Vorlesen ist ein Ruhepol. Geschichten helfen Kindern, zur Ruhe zu kommen, sich zu konzentrieren und andere Perspektiven kennenzulernen. Die Gelegenheiten, Geduld, Ausdauer und Konzentration einzuüben, sind seltener geworden.“
Christian Peitz, Leiter des LWL‑Bildungszentrums Jugendhof Vlotho
Wenn eine Kita die Arbeit mit Büchern als wichtig einstuft und im pädagogischen Alltag umsetzt, erfüllt sie bereits den größten Teil der Voraussetzungen, sich als „Literaturkita“ zertifizieren zu lassen. Um das Zertifikat zu erhalten, müssen Kitas Nachweise über Kooperationen (zum Beispiel mit Büchereien) und über Fortbildungen erbringen. Sie müssen die konzeptionelle Verankerung der literaturpädagogischen Arbeit darlegen, ein reichhaltiges Angebot an Büchern vorhalten und die literaturpädagogische Arbeit auch in die Zusammenarbeit mit den Eltern einfließen lassen.
Vergeben wird das Zertifikat dann durch das LWL-Bildungszentrum Jugendhof Vlotho. Bislang haben sich 179 Einrichtungen als Literaturkita zertifizieren lassen (Stand: Juni 2026).