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Clara bei der Frühförderung (Foto: LWL / Haslauer)

Interdisziplinäre Frühförderung: Dieselben Chancen für alle Kinder


In den ersten Lebensjahren lernen Kinder mit (drohender) Behinderungen enorm viel.

Landeseinheitliche und verbindliche Qualitätsstandards

„von Minden bis Aachen“.

Seit 2020 sind die Landschaftsverbände Rheinland und Westfalen-Lippe für die Frühförderung zuständig. Vorher war die Frühförderung in der Verantwortung der einzelnen Kreise und Städte regional sehr unterschiedlich. Seit 2020 gibt es landeseinheitliche und verbindliche Qualitätsstandards „von Minden bis Aachen“.

Vor allem die Interdisziplinäre Frühförderung wird ausgebaut: dies bedeutet integrierte heilpädagogische und medizinische-therapeutische Leistungen aus einer Hand.

Eltern entscheiden auf der Grundlage ihres Wunsch- und Wahlrechts aber selbst, ob ihr Kind statt dessen Therapie bei niedergelassenen Therapeut:innen erhalten soll und reine heilpädagogische Förderung in einer heilpädagogischen Praxis.

Kita-Mitarbeiterin Claudia Fechner im Spiel mit Clara. (Foto: LWL/Haslauer)

Zu Besuch in Salzkotten

Die kleine Clara erhält Frühförderung

Claudia Fechner, die die Interdisziplinäre Frühförderstätte des Caritasverbandes Paderborn in der Kindertagesstätte St. Martin in Salzkotten leitet, kniet in ihrem Büro.

Dort möchte sie gerade Clara dazu bringen sich mit einem Lernspielzeug zu beschäftigen. Die fast Zweijährige schaut kurz auf das Spiel, dann bewegen sich ihre braunen Augen schon wieder durch den Raum. Das Mädchen kann sich nicht konzentrieren, erzählt sie. Außerdem ist sie für ihr Alter sehr klein und zart, sie wirkt deutlich jünger. Ein Blick auf ihren Start ins Leben zeigt, warum das so ist.

Familienfoto im Therapieraum mit Clara und ihren Eltern. (Foto: LWL / Haslauer)

Claras Start ins Leben

„Sie war ein extremes Frühchen und ist schon in der 23. Schwangerschaftswoche geboren worden.“

Das erzählt ihre Mutter Claudia Raper, die bei dem Gedanken an diese Zeit ganz nachdenklich wird. Neun Monate lang lag Clara danach zunächst auf der Intensiv-, dann auf der Kinderstation, wurde beatmet. „Es gab mehrere Situationen, in denen wir dachten, dass sie es nicht schafft.“ Sie und ihr Mann verbringen so viel Zeit wie möglich in dem Krankenhaus, sind immer da, bemühen sich, ihrem winzigen Töchterchen – es wog gerade mal 400 Gramm – so viel Nähe wie möglich zu geben.

Als die Familie dann nach Hause durfte, war in der Anfangszeit rund um die Uhr eine Pflegekraft mit in der Wohnung. Clara lernte schnell, drehte sich zunächst nur im Bett, krabbelte dann ein wenig, mittlerweile kann sie stehen und gehen, vor allem, wenn sie sich zwischendurch ein wenig festhalten kann. „Wir hätten gar nicht unbedingt erwartet, dass das so schnell geht“, sagt Claudia Raper. „Im Vergleich zu Gleichaltrigen ist sie natürlich weit hinterher“, sagt ihre Mutter. Dass sie überhaupt so vieles schon beherrscht, verdankt sie vor allem der Förderung, die mehr oder weniger direkt nach der Geburt angefangen hat, als Clara endlich stabil war.

„Wir haben jeden Tag Therapien gehabt und dabei auch ganz viel gelernt, was wir als Eltern anwenden können."

Clara blickt nach oben und begutachtete ein rotes Tuch, das von der Decke hängt. (Foto: LWL / Haslauer)

Welchen Kindern kann eine Frühförderung helfen?

Seit ihrer Entlassung aus der Klinik wird Clara als eines von 300 Kindern im Kreis Paderborn in der Frühförderung betreut. Die Zielgruppe sind Kinder von der Geburt bis zur Einschulung, die, wie es im Fachjargon heißt, „eine Behinderung haben oder von Behinderung bedroht sind“.

Bei Clara ist noch nicht eindeutig zu sagen, wie sich ihr Leben entwickeln wird, aber wie bei allen extremen Frühgeburten ist klar, dass sie vieles erst einmal nachholen muss. „Sie lässt sich sehr leicht ablenken und scheint manchmal direkt zu vergessen, was wir gerade gemacht haben“, nennt Claudia Fechner ein Beispiel. „Viele Eltern haben oft selbst ein Gefühl dafür, dass die Entwicklung ihres Kindes anders verläuft. Auch Kinderärzte machen bei den Vorsorgeuntersuchungen auf den Förderbedarf aufmerksam“, sagt sie.

Zwei Kinder spielen auf einer großen Schaukel, die Gesichter sind verschwommen. (Foto: LWL / Haslauer)

Die interdisziplinäre Frühförderung ist ein besonderes Angebot, das die Inklusion vorantreiben soll.

Frühförderung im Sinne der Inklusion

Die interdisziplinäre Frühförderung, die immer mit einer ärztlichen Zuweisung beginnt, ist ein besonderes Angebot, das auch die Inklusion weiter vorantreiben soll. Besuchten früher Kinder mit Behinderungen vor allem heilpädagogische Einrichtungen, gehen die meisten Kinder heute in Regelkindergärten, die gemischte Gruppen haben – eine Entwicklung, die der LWL seit Jahren erfolgreich vorantreibt.

Die Caritas ist einer von mehreren Trägern der Freien Wohlfahrtspflege, die die Frühförderung anbieten. Früher waren die Kommunen für die Planung und Finanzierung des Angebotes zuständig, seit Anfang 2020 ist der LWL dafür verantwortlich.

Blic in einen Kita-Raum mit Tischen. (Foto: LWL / Haslauer)

Gleiche Qualität der Förderung in ganz Nordrhein-Westfalen

Frühförderung in Kitas und Familien

„Heilpädagogik und Therapie werden nun für jedes Kind integriert geleistet und auch einfacher abgerechnet“, sagt Friedhelm Hake, der den Bereich „Soziale Dienste“ bei der Caritas leitete und nun im Ruhestand ist. „Außerdem hat der LWL gemeinsam mit dem Landschaftsverband Rheinland in wenigen Monaten das geschafft, was fast 20 Jahre unmöglich war: gleiche Qualität der Förderung und eine einheitliche Finanzierung in ganz Nordrhein-Westfalen – von Minden bis Aachen, von Steinfurt bis Siegen hängt es nicht mehr davon ab, wo man lebt.“

Dr. Eva Brockmann, Nachfolgerin und Leiterin des Bereichs "Soziale Dienste" bei der Caritas bestätigt das. „Es gab zu viele Konzepte, die sicherlich oft gut waren, aber eben nicht einheitlich, damit alle Kinder dieselbe Qualität und damit auch dieselben Chancen hatten. Dafür ist das jetzige System viel besser geeignet.“

Selbstgebastelte Windspiele aus Perlen (Foto: LWL / Haslauer)

Ziel: Inklusionszentren

In den Kitas sollten Frühförderungs-Räume fest integriert sein.

Die Frühförderung kann auch in den Kitas geleistet werden oder die Förderkräfte besuchen die Familien zu Hause. Ein neues Modell sind zudem die „Inklusionszentren“, von denen Hake zwei im Kreis Paderborn aufbauen möchte, also Kindertageseinrichtungen, in denen es eigene Räume für die Frühförderung gibt.

Eines dieser Zentren ist das in Salzkotten, in dem wir gerade reden, das andere liegt in Sennelager, ganz am anderen Ende des Kreises Paderborn. Wegen dieser beiden Einrichtungen und auch der gesamten Organisation verringern sich die Fahrtzeiten für viele Kinder und die Fachkräfte, die zu den Familien fahren. Mussten früher zum Beispiel manche Kinder bis zu einer Stunde pro Fahrt im Auto sitzen, weil die Strecken gerade in einem ländlichen Kreis doch sehr lang werden, „rechnen wir nun mit höchstens 20, 30 Kilometern, je nachdem eben, wo die Familien leben“, sagt Friedhelm Hake.

Das Angebot ist dabei breit:

  • Ergo- oder Physiotherapie, die den Kindern zum Beispiel die Augen- Hand-Koordination erleichtern soll
  • Logopädie, um ihre sprachlichen Fähigkeiten zu fördern
  • sozial-emotionalen Angeboten

„Wir können das in den Frühförderstellen alles aus einer Hand anbieten, weil jedes Kind von allen beteiligten Therapeuten, Ärztinnen oder Pädagogen beurteilt wird. Dadurch ist die Hilfe sehr individuell“,

sagt Eva Brockmann.

Clara krabbelt über den Boden des Therapieraums (Foto: LWL / Haslauer)

Mut für die Eltern

Ein wichtiger Teil der Arbeit ist auch, die Eltern einzubeziehen. Claudia und Phillip Raper sitzen deswegen heute auch dabei, bekommen gezeigt, was sie zu Hause mit Clara üben können. „Wir sollen nicht mehr als 20 Minuten am Stück machen“, sagt die Mutter, „sonst überfordern wir sie.“

Sie und ihr Mann hoffen, dass die Tochter im kommenden Jahr einen Platz in der Kita bekommt. „Wir wissen gar nicht, was auf uns zukommt“, macht Claudia Raper noch mal ganz deutlich.

„Aber wir haben gemerkt, dass Clara so viel lernen kann in so kurzer Zeit, das macht uns wirklich Mut.“