23.07.26 | Kultur Archäologische Arbeiten in Bielefeld-Sieker beendet:
Germanische Siedlung war "bedeutendes Zentrum"
Nach dem Ende der Ausgrabungen beginnt jetzt die wissenschaftliche Auswertung im Rahmen eines Forschungsprojektes. Das langjährig angelegte Projekt "Westgermanien im Wandel" wurde kürzlich in das Programm der deutschen Wissenschaftsakademien aufgenommen.
Germanische Reihenhaussiedlung
Schon als in den 1980ern der Siedlungsbereich südöstlich des Mühlenbachs untersucht wurde, war eine auffällige Reihe der Haupthäuser erkennbar. Zudem wurden die sehr dicht nebeneinanderstehenden Häuser teilweise zwei- oder dreimal an derselben Stelle neu errichtet. Daraus ergibt sich eine Kontinuität der Hofplätze über einen Zeitraum von teilweise 200 Jahren. Die genauen Daten liegen zwar noch nicht vor, doch schon jetzt ergibt sich aus der geborgenen Keramik ein Siedlungsschwerpunkt im 2. und 3. Jahrhundert.
Als besonderen Glücksfall für die Forschung hebt Grabungsleiterin Dr. Eva Manz eine kleine römische Münze aus dem 2. Jahrhundert hervor: "Sie stammt aus der Verfüllung eines Loches, in dem Gerüstpfosten eines Hauses steckte und liefert damit ein präzises Datum für das Pfostenhaus." Solche Funde helfen auch den Fachleuten der LWL-Archäologie für Westfalen, die Entwicklung der Hausformen und deren sich wandelnden Raumaufteilungen zu ergründen.
Beste Lage: Wasser, fruchtbarer Boden und der Römerpass
Die Standortwahl war durchdacht, die Entdeckung einer derartigen Siedlung in Bielefeld-Sieker für LWL-Archäologen Sebastian Düvel daher keine Überraschung. Sicher mit Ausschlag gebend für die Ansiedlung seien die fruchtbaren Lössböden an der Nordseite des Teutoburger Waldes und der Mühlenbach gewesen, der damals durch die Siedlung floss und ganzjährig Frischwasser lieferte.
Außerdem spielte die Lage am alten Römerpass sicher eine wichtige Rolle, sagt er. "Die Römer hinterließen im Zuge ihrer Eroberungen auch in Ostwestfalen ihre Spuren: Auf ihren Feldzügen bis zur Weser stellte der Flussweg auf der Lippe bis nach Anreppen und Paderborn die Versorgung sicher. Von dort ging es durch die Senne bis zur Weser", erklärt Düvel.
In Sennestadt wurde vor einigen Jahren ein Marschlager entdeckt. Von dort aus ging es weiter über den etwa 2,5 Kilometer langen Bielefelder Pass (Senke zwischen Sennestadt und Stieghorst), der von einem Wachturm auf der Sparrenberger Egge kontrolliert wurde, weiter nach Norden zur Weser.
Für die Fachleute des LWL ist klar: Die Wegeverbindungen bestanden auch nach dem Abzug der Römer aus dem Gebiet weiter, Kontakte in die römische Welt links des Rheins zeigen zahlreiche Importfunde, die sich vor allem im nahegelegenen Gräberfeld der Siedlung fanden. "Offenbar hat sich auf dieser Wegachse bis weit in das 5. Jahrhundert eine Handelsroute entwickelt, worauf auch zahlreiche römische Münzen entlang des Weges hindeuten," schätzt Düvel.
Auf den fruchtbaren Böden konnten die Siedlerinnen und Siedler möglicherweise eine Überproduktion an Lebensmitteln erwirtschaften und den Überschuss gewinnbringend an durchreisende Handelnde bringen. In dem Zusammenhang blieb vermutlich auch das ein oder andere begehrte Importstück der mitgeführten Waren in Sieker. Nicht auszuschließen ist dabei laut der Archäolog:innen, dass ein Teil dieser Funde Raubgut darstellt oder von heimkehrenden Germanen im römischen Dienst mitgebracht wurde.
Schutz durch Größe
Dr. Sven Spiong, Leiter der LWL-Archäologie in Bielefeld, vermutet: "Sicher kamen auf dem Weg nicht nur friedliebende Händler, sondern auch Personen, die der Wohlstand der Bevölkerung anlockte. Die Siedlung war offenbar nicht befestigt, und eine nahegelegene Wallburg zum Schutz existierte damals nicht. Daher fragen wir uns, ob das Zusammenleben auf engem Raum möglicherweise einen Sicherheitsaspekt trug, denn normalerweise war einheimischen Siedelnden dieser Zeit ein großer Abstand zu den benachbarten Höfen sehr wichtig." Diese und weitere Fragen sind Teil des Forschungsprojekts.
Das Ende der Siedlung
Spiong sieht die Geschichte der Siedlung in diesem Kontext: "Auf Grundlage der bisherigen Erkenntnisse zeigt sich in erster Linie eins: Die Siedlung in Bielefeld-Sieker muss als ein bedeutendes Zentrum für die Region betrachtet werden, dessen Ursprung vor allem in der verkehrsgünstigen Lage während der Römerzeit liegen dürfte. In der Umbruchzeit mit dem Untergang des Römischen Reiches enden im 5. Jahrhundert auch diese traditionellen Kommunikations- und Austauschwege." Wahrscheinlich ist das auch eine Ursache für das Ende der Siedlung, schließt der LWL-Archäologe.
Luftbild der aktuellen Ausgrabungsfläche im Vorfeld des Schulneubaus in Bielefeld-Sieker. Die Reihen der ausgegrabenen archäologischen Befunde zeigen heute noch die Standorte der germanischen Langhäuser an.
Bild: LWL-Archäologie für Westfalen/Arne Koch
Grabungsmitarbeiter Ristam Abdo legt eine der Verfärbungen frei. Sie zeigt den Standort eines Holzpfostens vor fast 2000 Jahren an.
Bild: LWL-Archäologie für Westfalen/Sebastian Düvel
Das Grabungsteam dokumentiert und gräbt die ehemaligen Grubenverfüllungen im Boden aus, sie liefern wichtige Erkenntnisse zum Leben in Westfalen während der römischen Kaiserzeit.
Bild: LWL-Archäologie für Westfalen/Sebastian Düvel
Pressekontakt
Sandra Görtz, LWL-Archäologie für Westfalen, Tel.: 0251 591-8946 und Frank Tafertshofer, LWL-Pressestelle, Telefon: 0251 591-235
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