21.07.26 | Kultur Stalag 326
LWL veröffentlicht neue Forschung zum Kriegsgefangenenlager
Das Cover des Buches "Das Stammlager 326 (VI K) Senne. Sowjetische Kriegsgefangene im Zweiten Weltkrieg: Forschungsperspektiven und Erinnerungskultur"
Der Band der Reihe "Forschungen zur Regionalgeschichte" des LWL-Instituts für westfälische Regionalgeschichte, entstanden in Kooperation mit dem Förderverein Stalag 326 (VI K) Senne e.V. und dem Verein für Geschichte und Altertumskunde Westfalens, Abt. Paderborn e.V., behandelt erstmals zusammenfassend die vier zentralen Themenbereiche der Geschichte des Lagers: Quellen und Forschungsperspektiven, Lagertopographie, Kriegsgefangenschaft sowie Geschichtspolitik und Erinnerungskultur. "Es ist ein Buch der Vielen", sagt Prof. Dr. Malte Thießen, Leiter des LWL-Instituts für westfälische Regionalgeschichte. Der Sammelband fasse die Ergebnisse mehrerer wissenschaftlicher Workshops zusammen, die von verschiedenen Einrichtungen der Gedenkstättenarbeit gemeinsam veranstaltet wurden. In insgesamt 18 Aufsätzen werden alle Aspekte der historischen Forschung und Vermittlung ausführlich behandelt.
"Wenn Geschichte zum Aktionsfeld rechtsextremer Propaganda wird, haben die Akteure der Geschichtsforschung eine besondere Verantwortung, ihre Erkenntnisse der Öffentlichkeit zu vermitteln", sagt Dr. Andreas Neuwöhner, einer der fünf Herausgeber.
Der Band will einen Beitrag zu weiterführenden historischen Forschungen und deren geschichtspolitischen Vermittlung über die bedrückenden Schicksale der Gefangenen leisten, über ihren Einsatz als Zwangsarbeiter in der Rüstungsindustrie und in der Landwirtschaft.
In vier Teile gegliedert
Teil I beleuchtet die Quellenlage und die Perspektiven der Forschung. "Die besondere Herausforderung beim Thema Stammlager 326 (VI K) Senne liegt darin, dass sich die Quellen in zahlreichen Archiven und Institutionen von Minden bis Moskau befinden", erläutert Neuwöhner. Die Arbeit mit den historischen und archäologischen Quellen biete die einmalige Chance, neue Erkenntnisse zu gewinnen und Orientierung zu schaffen, so der Historiker, gleichzeitig Direktor des Vereins für Geschichte und Altertumskunde, Abteilung Paderborn.
Teil II beleuchtet die Topographie des Lagers. "Die zeitgeschichtliche Archäologie kann helfen, Quellen zu verifizieren oder Lücken zu füllen", betont Dr. Marcus Weidner, wissenschaftlicher Referent beim LWL-Institut für westfälische Regionalgeschichte und ebenfalls Herausgeber des Sammelbandes. Grabungen vor Ort führten die Geschichte auf eine sehr unmittelbare Weise vor Augen. "Die Art der Funde lassen die menschenverachtenden Existenzbedingungen erkennen, unter denen Gefangene gelebt haben", so Weidner. Diese Erkenntnisse spielten auch bei der Erforschung der Kriegsgefangenenlager, den so genannten Stalags, eine wichtige Rolle. Archäologische Untersuchungen trügen wesentlich dazu bei, ihre Geschichte besser zu verstehen und schafften zugleich eine wichtige Grundlage für die Entwicklung und Gestaltung von Gedenkorten.
"Die Geschichte der Kriegsgefangenen spielte sich aber nicht nur hinter den Zäunen der Lager ab, sondern reichte bis in Städte, Dörfer und Betriebe der gesamten Region hinein - gerade diese weitreichenden Verflechtungen möchten wir sichtbar machen", betont Weidner.
Die Publikation sei auch ein wichtiger Baustein in der Umsetzung der digitalen NS-Topografie für Westfalen-Lippe, einem größeren Vorhaben des LWL-Instituts für westfälische Regionalgeschichte, die in den kommenden Jahren als Webangebot öffentlich zugänglich sein werde.
"Die Kriegsgefangenenlager waren eine der Gewaltinstitutionen des Nationalsozialismus, in denen sich die rassistische NS-Ideologie ausdrückte", sagt Mit-Herausgeber Dr. Falk Pingel. Diese Ideologie richtete sich insbesondere gegen die sowjetischen Gefangenen. Völlig unzureichende Unterbringung - anfangs gruben sich Gefangene Erdhöhlen in den Sennesand, weil noch keine Baracken errichtet waren -, Hunger, Feuchtigkeit, Hitze oder Kälte bei oft schwerer Arbeit führten zu Erschöpfung, begünstigten Krankheiten und Epidemien und hatten eine hohe Sterblichkeit zur Folge. SS-Kommandos sonderten zudem in den Jahren 1941 und 1942 kommunistische Funktionäre und Juden unter den sowjetischen Gefangenen aus und ließen sie in Konzentrationslager überstellen, wo sie überwiegend in Massenerschießungsanlagen ermordet wurden. "Diese mörderische Zusammenarbeit zwischen Wehrmacht und SS werden im Buch detailliert dokumentiert", erläutert Pingel, bis 2009 stellvertretender Direktor des Georg-Eckert-Instituts in Braunschweig. Sie werde exemplarisch im dritten Teil des Buches zum Thema Kriegsgefangenschaft thematisiert. Ab Herbst 1942 entwickelte sich das Stalag 323 zu einem riesigen Umschlagplatz, von dem aus Gefangene in Arbeitskommandos fast über das gesamte Gebiet des heutigen Nordrhein-Westfalen verteilt wurden.
Hintergrund
Das "Stalag 326 (VI K)" in Stukenbrock-Senne, einem Ortsteil der Stadt Schloß Holte-Stukenbrock im Kreis Gütersloh, war in den Jahren 1941 bis 1945 mit mehr als 300.000 Inhaftierten zentraler Bestandteil eines Lagersystems für Kriegsgefangene. Heute befindet sich auf dem Gelände die "Gedenkstätte Stalag 326", die der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL), das Land NRW, acht kommunale Partnerinnen und Partner sowie der "Förderverein Gedenkstätte Stalag 326 (VI K) e.V." zu einem überregionalen und internationalen Erinnerungsort weiterentwickeln möchten. "Erinnerung muss dahin, wo es weh tut", sagt Thießen. Der Sammelband leiste hierzu einen wichtigen Beitrag.
Ihre Fragen können Sie gerne per E-Mail an (susanne.kneer@lwl.org) stellen.
Pressekontakt
Lena Hortian, LWL-Pressestelle, Telefon: 0251 591-5400
Der LWL im Überblick
Der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) arbeitet als Kommunalverband mit mehr als 21.000 Beschäftigten für die 8,3 Millionen Menschen in der Region. Der LWL betreibt 35 Förderschulen, 20 Krankenhäuser, 18 Museen, zwei Besucherzentren und ist einer der größten Hilfezahler für Menschen mit Behinderung. Er erfüllt damit Aufgaben im sozialen Bereich, in der Behinderten- und Jugendhilfe, in der Psychiatrie und in der Kultur, die sinnvollerweise westfalenweit wahrgenommen werden. Ebenso engagiert er sich für eine inklusive Gesellschaft in allen Lebensbereichen. Die neun kreisfreien Städte und 18 Kreise in Westfalen-Lippe sind die Mitglieder des LWL. Sie tragen und finanzieren den Landschaftsverband, dessen Aufgaben ein Parlament mit 125 Mitgliedern aus den westfälischen Kommunen gestaltet.
Zu allen Pressemitteilungen des LWL Zu allen Pressemitteilungen dieser LWL-Einrichtung