03.07.26 | Kultur Fund im Sauerland: LWL untersucht römisch-kaiserzeitlichen Verhüttungsplatz bei Brilon
Erste Grabungsergebnisse bestätigen die frühe Bleigewinnung
Römischer Großbarren aus Blei. Ein Fehlguss, der am Werkplatz bei Brilon zurückblieb.
Foto: LWL/F. Geldsetzer
Ausgangspunkt der Ausgrabung war der Fund eines großen gegossenen Bleibarrens römisch-kaiserzeitlicher Machart, den der lizensierte Sondengänger Peter Hoffmann aus Brilon gemeldet hatte. Die Wissenschaftler:innen der LWL-Archäologie in Olpe vermuteten an dem Fundort eine Werkplatz- oder Verarbeitungsstelle, an der das lokal vorkommende Bleierz - überwiegend in Form von sogenanntem Bleiglanz - direkt vor Ort metallurgisch aufbereitet und in "römischer Manier" zu fertigen Barren gegossen wurde. Ob dies Germanen oder Römer waren, ist aktuell unklar und wird noch erforscht.
Geophysikalische Prospektion weist den Weg
Um den Verdacht im Vorfeld zu prüfen, führte im vergangenen Winter führte Joris Coolen, Leiter der "Archäologische Prospektionen" beim LWL, im Umfeld des Barrenfundortes großflächige geophysikalische Untersuchungen durch. Das Ergebnis der Messungen im Boden: zahlreiche markante Bodenanomalien, die auf verborgene Strukturen im Untergrund hindeuteten. Eine dieser "Anomalien" wurde nun im Juni gezielt im Rahmen der archäologischen Ausgrabung geöffnet.
Reiche Funde und Spuren hoher Hitze
"Während der zweiwöchigen Grabung konnten wir ein breites Spektrum an Funden bergen", so Grabungsleiter Sebastian Magnus Sonntag. "Neben Keramikfragmenten vorgeschichtlicher Machart stießen wir auf eine Vielzahl von kleineren Bleifragmenten, die unmittelbar mit dem Prozess der antiken Bleigewinnung in Verbindung stehen", so Sonntag.
Die Ausgrabung legte eine sorgsam mit Steinplatten gesetzte Basis frei. Sowohl diese Steinplatten als auch der darunterliegende lehmige Unterboden wiesen starke Brand- und Hitzeeinwirkungen auf. In den Fugen zwischen den Steinplatten haben sich Holzkohlen erhalten, die noch weiter analysiert werden. Die Keramikfragmente deuten darauf hin, dass dieser Werkplatz vermutlich an den Beginn der Römischen Kaiserzeit einzuordnen ist.
Einblicke in die Stratigraphie: Periodische Nutzung über längere Zeit
"Die sogenannte Stratigraphie, also die vertikale Abfolge der Erdschichten und Befunde, verrät den Fachleuten wertvolle Details über den Ablauf der Arbeiten vor etwa 2.000 Jahren. Die Schichten aus Lehm mit Steinplatten und Holzkohlen sind im Profil mehrfach übereinander dokumentiert. Dies zeigt, dass dieser Ort von den antiken Handwerkern nicht nur einmalig, sondern wohl periodisch und über einen längeren Zeitraum hinweg immer wieder aufgesucht und genutzt wurde", so LWL-Archäologe Dr. Manuel Zeiler, der die antike Bleigewinnung im Sauerland schon seit einigen Jahren erforscht. Zeiler: "Auch das Nichtauffinden bestimmter Funde ist eine wichtige Erkenntnis. So wurden hier nur verhältnismäßig geringe Mengen Blei nachgewiesen. Das lässt die Idee zu, dass hier tatsächlich Blei verarbeitet wurde und es nicht etwa als Abfallprodukt einer Silbergewinnung anfiel."
Sonntag ergänzt: "Nach aktuellem Forschungsstand handelt es sich hier wahrscheinlich um einen sogenannten Röstplatz. Hier wurde wohl das sulfidische Bleierz, also Bleiglanz, zunächst zusammen mit Holzkohlen unter Hitze geröstet, um den störenden Schwefelgehalt zu reduzieren. In einem darauffolgenden Arbeitsgang wurde das gewonnene Blei geschmolzen und schließlich zu Barren gegossen. Genau wie eben jener kürzlich gefundene Barren, der als Fehlguss wohl verworfen und zurückgelassen wurde. Vielleicht blieb er am Werkplatz zurück, um ihn in der nächsten Arbeitssaison wieder einzuschmelzen. Zum Glück für die Archäolog:innen kam es aber nicht dazu. "
Große Bedeutung für die Regionalgeschichte
Die Entdeckung bei Brilon schließt eine wichtige Lücke in der Erforschung der sauerländischen Wirtschaftsgeschichte. Der Nachweis solcher Produktionsstätten aus der Römischen Kaiserzeit war in Südwestfalen bislang durch aussagekräftige archäologische Befunde noch nicht gelungen. Zeiler: "Die neuen Grabungen zeigen nun eindrücklich, wie intensiv und technologisch versiert die Ressourcen dortiger Erzreviere bereits an der Zeitenwende um Christi Geburt genutzt wurden."
Projektbeteiligte: Joris Coolen M.A., Leiter des Sachgebiets "Archäologische Prospektionen" der LWL-Archäologie für Westfalen; Sebastian Magnus Sonntag., Wissenschaftlicher Referent an der Außenstelle Olpe der LWL-Archäologie für Westfalen
LWL-Einrichtung:
LWL-Archäologie für Westfalen
Außenstelle Olpe
In der Wüste 4
57462 Olpe
Archäologie-Fachleute der Außenstelle Olpe der LWL-Archäologie für Westfalen untersuchten im Juni eine kleine Grabungsfläche im Bereich Barrenfundortes.
Foto: LWL/M. Baales
Die kleine Grabungsfläche ergab mehrere interessante Befunde, die auf die Verarbeitung von Blei hinweisen.
Foto: LWL/S. M. Sonntag
Der Blick in den Boden zeigt, dass an dieser Stelle wiederholt zu großer Hitzeeinwirkung kam, wie die verschiedenen rot und schwarz gefärbten Lagen erkennen lassen.
Foto: LWL/F. Geldsetzer
Dieser archäologische Befund ist vor rund 2.000 Jahren entstanden, als aus Steinen ein Werkplatz entstand. Hier brannte auch ein starkes Feuer, wie die Rotfärbung und die schwarzen Holzkohlen zeigen.
Foto: LWL/F. Geldsetzer
Pressekontakt
Dr. Julia Großekathöfer, LWL-Archäologie für Westfalen, Telefon: 0251 591- 8946 und Frank Tafertshofer, LWL-Pressestelle, Telefon: 0251 591-235
Der LWL im Überblick
Der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) arbeitet als Kommunalverband mit mehr als 21.000 Beschäftigten für die 8,3 Millionen Menschen in der Region. Der LWL betreibt 35 Förderschulen, 20 Krankenhäuser, 18 Museen, zwei Besucherzentren und ist einer der größten Hilfezahler für Menschen mit Behinderung. Er erfüllt damit Aufgaben im sozialen Bereich, in der Behinderten- und Jugendhilfe, in der Psychiatrie und in der Kultur, die sinnvollerweise westfalenweit wahrgenommen werden. Ebenso engagiert er sich für eine inklusive Gesellschaft in allen Lebensbereichen. Die neun kreisfreien Städte und 18 Kreise in Westfalen-Lippe sind die Mitglieder des LWL. Sie tragen und finanzieren den Landschaftsverband, dessen Aufgaben ein Parlament mit 125 Mitgliedern aus den westfälischen Kommunen gestaltet.
Zu allen Pressemitteilungen des LWL Zu allen Pressemitteilungen dieser LWL-Einrichtung