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30.06.26 | Psychiatrie KI in der Psychiatrie: Zwischen Aufbruch und Verantwortung

35. Warsteiner Psychotherapie-Symposion in der LWL-Klinik Warstein

Referent:innen und die Organisatorin des Symposions - v. l.: Prof. Dr. Ronald Bottlender, Prof. Rahman Jamal, Prof. Dr. Eva Meisenzahl, Privatdozentin Dr. Marie-Kristin Döbler, Thomas Göke, Katrin Schmidt und Daniela Schröder.<br>Foto: LWL/Stephanie Dreps

Referent:innen und die Organisatorin des Symposions - v. l.: Prof. Dr. Ronald Bottlender, Prof. Rahman Jamal, Prof. Dr. Eva Meisenzahl, Privatdozentin Dr. Marie-Kristin Döbler, Thomas Göke, Katrin Schmidt und Daniela Schröder.
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Warstein (lwl). Ein volles Haus, intensive Diskussionen und ein Thema von großer Aktualität: Das 35. Warsteiner Psychotherapie-Symposion stieß auf großes Interesse. Im Festsaal der LWL-Klinik Warstein diskutierten Fachleute aus Psychotherapie, Psychologie, Soziologie, Pflege und Technologie unter dem Titel "KI in der Psychiatrie/Psychotherapie: Dehumanisierung der therapeutischen Beziehung oder wertvolles Hilfsmittel?" über Chancen und Grenzen Künstlicher Intelligenz in der psychischen Gesundheitsversorgung.

Im Mittelpunkt stand die Frage, wie KI künftig Diagnostik, Therapie und Versorgung unterstützen kann, ohne den menschlichen Kern therapeutischer Arbeit aus dem Blick zu verlieren.

Zum Auftakt skizzierte Prof. Dr. Ronald Bottlender, Ärztlicher Direktor der LWL-Kliniken Lippstadt und Warstein, die Dynamik der technologischen Entwicklung. In seiner Einführung griff er den rasanten technologischen Wandel auf und sprach vom "The day the world changed" - dem Moment, als ChatGPT der Öffentlichkeit vorgestellt wurde. Mit Blick auf die rasante Verbreitung stellte er zentrale Fragen: Wird KI therapeutische Berufe und Arbeitsweisen verändern oder sogar ersetzen? Und wie gehen Fachkräfte mit dieser Dynamik um? Solche Debatten seien jedoch nicht neu, sondern Teil des gesellschaftlichen Anpassungsprozesses im Rahmen technologischer Umbrüche.

Im weiteren Verlauf beleuchteten renommierte Referentinnen und Referenten das Thema aus unterschiedlichen fachlichen Perspektiven. Prof. Dr. Eva Meisenzahl (Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf) zeigte auf, wo KI-gestützte Präzisionsmedizin in der Psychiatrie und Psychotherapie bereits heute ansetzen kann: bei der Auswertung großer Datenmengen, der Frühdiagnostik psychotischer Erkrankungen und individuell zugeschnittenen Therapieansätzen. Gerade angesichts langer Wartezeiten bis zum Behandlungsbeginn sei dies ein wichtiger Fortschritt. Gleichzeitig betonte sie, dass KI Impulse liefern und Hypothesen generieren könne, die fachliche Bewertung jedoch unverzichtbar bleibe.

Privatdozentin Dr. Marie-Kristin Döbler (ISF München) ergänzte die Diskussion um eine soziologische Perspektive. Künstliche Intelligenz sei längst im Alltag angekommen und werde von vielen Menschen selbstverständlich genutzt - auch im Umgang mit persönlichen Fragen und psychischen Belastungen. Die Interaktion mit der KI sei niederschwellig zugänglich. Gleichzeitig wirke sie unbeobachtet und ohne direkte Bewertung, was auch die Mitteilung schambesetzter Themen erleichtere. Sie warnte: "Eine große Zahl von Menschen nutzt KI unkritisch und hinterfragt die Ergebnisse nicht." Das verändere Erwartungen, Kommunikationsformen und den Zugang zu Unterstützung grundlegend - und mache einen bewussten, reflektierten Umgang mit KI umso wichtiger.

Die praktische Dimension der Technologieintegration stand bei Katrin Schmidt aus der Pflegedirektion der LWL-Kliniken Lippstadt und Warstein im Fokus. Sie zeigte, wie KI in der Pflegepraxis unterstützen kann, betonte aber zugleich, dass die Technik Menschen nicht passiv machen dürfe. Der Verlust menschlicher Fähigkeiten durch zu starke Abhängigkeit von Technik - etwa kritisches Denken oder Problemlösung - müsse berücksichtigt werden.

Unter dem Titel "Zwischen Euphorie und Panik: Künstliche Intelligenz und seelische Gesundheit" ordnete Prof. Rahman Jamal (Universität Paderborn) die gesellschaftliche Debatte ein. Als Ingenieur sei er von den technologischen Möglichkeiten fasziniert, zugleich aber auch besorgt über die zunehmende Übertragung von Verantwortung auf KI-Systeme. Seine Einschätzung brachte die Ambivalenz auf den Punkt: "KI ist keine menschliche Intelligenz, sondern Mustererkennung und Wahrscheinlichkeitsberechnung." Zudem warnte er vor falschen Erwartungen: "KI wirkt oft menschlich, ist und bleibt aber eine Maschine. Sie ist darauf programmiert zu gefallen und zuzustimmen - das müssen wir im Hinterkopf behalten."

Einen praxisnahen Einblick gab Thomas Göke (Leitung Psychotherapie, MZG Bad Lippspringe), der kurzfristig eine erkrankte Referentin vertrat. Er stellte ein Projekt zur KI-gestützten Dokumentation in der stationären Rehabilitation vor und zeigte, wie digitale Systeme Arbeitsabläufe unterstützen können. Ziel sei es, mehr Zeit für die direkte Arbeit mit Patient:innen zu schaffen.

Neben den Vorträgen prägten vor allem die lebhaften Diskussionen das Symposion. Der intensive Austausch zwischen Fachpublikum und Referierenden machte deutlich, wie groß das Interesse und der Klärungsbedarf rund um den Einsatz von KI im Gesundheitswesen sind.

Das Fazit des Tages fiel differenziert aus: Künstliche Intelligenz bietet große Chancen für die psychiatrische und psychotherapeutische Versorgung. Sie kann Fachkräfte entlasten, Prozesse verbessern und neue therapeutische Möglichkeiten eröffnen. Prof. Dr. Ronald Bottlender betonte, dass KI insbesondere dort sinnvoll eingesetzt werden könne, wo Aufgaben automatisierbar seien. Dadurch entstehe mehr Raum für das, was Therapie im Kern ausmacht: menschliche Begegnung, Empathie und Beziehungsgestaltung. KI kann therapeutische Arbeit unterstützen und ergänzen - die Verantwortung und das letzte Wort bleiben jedoch beim Menschen.

Das Warsteiner Psychotherapie-Symposion bestätigte damit einmal mehr seine Rolle als Plattform für aktuelle fachliche Debatten und den interdisziplinären Austausch zu Zukunftsfragen der psychiatrisch-psychosozialen Gesundheitsversorgung.

Der vollbesetzte Festsaal während des Vortrags von Prof. Dr. Eva Meisenzahl.<br>Foto: LWL/Stephanie Dreps

Der vollbesetzte Festsaal während des Vortrags von Prof. Dr. Eva Meisenzahl.
Foto: LWL/Stephanie Dreps

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Stephanie Dreps, LWL-Klinik Warstein, Tel.: 02945 981-5080 und Thorsten Fechtner, LWL-Pressestelle, Telefon: 0251 591-235

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