16.06.26 | Kultur "Ich bin da ganz ich!"
Timo Reichelt ist die Ruhrpottschnauze
Als Kulturvermittler schlüpft Timo Reichelt in keine Rolle, er ist das Ruhrgebiet.
Foto: LWL/ M. Hömberg
Im Mittelpunkt steht nicht nur die Sonderausstellung "Mahlzeit!". Kulturvermittler Timo Reichelt, ein wahres Ruhrgebiets-Urgestein, nimmt die Gäste in seiner Spezialführung "Ruhrpottschnauze" auf humorvolle Weise mit durch 250.000 Jahre Menschheitsgeschichte in der Dauerausstellung. Im Interview stellt er sich und die Führung vor:
Sie sind nicht nur ein Kind des Ruhrgebiets, sondern auch ein echtes Universaltalent. Erzählen Sie von sich?
Reichelt: Geboren bin ich in Osnabrück, lebe aber schon seit meinem zweiten Lebensjahr im Ruhrgebiet. In Castrop-Rauxel habe ich eine Ausbildung zum Zierpflanzengärtner gemacht. Ich habe aber auch schon als Zahntechniker, Kfz-Mechaniker und Friedhofsgärtner gearbeitet. Nach dem Wehrdienst war mir klar: Du kannst mehr! Über den zweiten Bildungsweg habe ich dann mein Abitur nachgeholt und anschließend Archäologie und Kunstgeschichte studiert - als erster Akademiker in meiner Familie.
Seit 13 Jahren bin ich jetzt schon Kulturvermittler im LWL-Industriemuseum Zeche Zollern, seit drei Jahren auch im LWL-Museum für Archäologie und Kultur. Dabei verbindet mich mit Zollern eine ganz besondere Geschichte: In der Dortmunder Zechensiedlung bin ich groß geworden, mein Großvater gehörte zu den letzten Bergleuten auf Zollern. Schon als Kind habe ich auf dem Gelände gespielt.
Handwerk ist meine Passion und da schien mir Archäologie das nächste. Während meines Studiums in Bochum dachte ich mir: Komm, mit Blumen kennst du dich aus! Also habe ich mich auf Archäobotanik spezialisiert und praktische Erfahrungen im Labor für Archäobotanik der Uni Köln gesammelt. Parallel dazu habe ich meine handwerklichen Fähigkeiten in alle Richtungen ausgebaut. Ich bin heute auch Tätowierer - war zwölf Jahre lang selbständig in einem ehemaligen Luftschutzbunker in Bochum-Langendreer - und ausgebildeter Schmied.
Das verbinde ich alles in meiner Museumsarbeit. Seit drei Jahren arbeite ich auch in Herne für das LWL-Museum für Archäologie und Kultur: Ich baue eigene Vermittlungsangebote auf, leite Schmiedekurse und zeige Besucherinnen und Besuchern - in Dortmund in meiner eignen Schmiede - historische Handwerkstechniken.
Wie kam es zur Idee der "Ruhrpottschnauze"?
Reichelt: Das Format entstand eigentlich aus meinem ganz normalen Führungsstil. Viele Besucherinnen und Besucher sagen mir, dass ich eine besondere Art habe zu vermitteln: bodenständig, direkt und mit einer guten Portion Humor. Genau daraus ist die "Ruhrpottschnauze" entstanden. Ich spiele da niemanden. Ich bin da ganz ich. Mein Papa hat immer gesagt: "Du kannst den Mann aus dem Handwerk holen, aber du kriegst das Handwerk nicht aus dem Mann." So ist es.
Was ist das Besondere an der Führung?
Reichelt: Mir geht es darum, Wissen kurzweilig und ohne Hürden zu vermitteln. Die Menschen sollen Spaß haben und sich über Geschichten, Emotionen und persönliche Zugänge für Geschichte begeistern. Wenn die Leute bei meinen Führungen nicht lachen, wenn sie nicht traurig sind, wenn sie sich nicht mal geekelt haben, nicht mal erschrocken oder ängstlich waren, dann ist das Käse. Die "Ruhrpottschnauze" soll was mit den Leuten machen, nur dann ist es super.
Das Format gehört noch nicht zum Standard-Programm im LWL-Museum für Archäologie und Kultur und ist exklusiv bei der Extraschicht zu erleben? Warum sollten die Leute am 25. Juni nach Herne kommen?
Meine Führung ist natürlich DAS Programm zur Extraschicht. (Lacht) Ich mache die Führung in der Dauerausstellung und auch in "Mahlzeit!". Schon bei der langen Museumsnacht standen die Leute Schlange, gerade weil das Format authentisch ist und die Ruhrgebietsmentalität transportiert. Wir duzen uns und nach zehn Minuten ist das wie ein Rundgang mit Leuten, die ich zufällig auf der Straße getroffen habe. Ich frage: Wo habt ihr Bock drauf? Wollt ihr ins Mittelalter? Wollt ihr Leichenbrand sehen? Und dann geht`s los.
Die Führung ist völlig improvisiert. Im Grunde will ich diesen Wetten-Dass-Effekt: Die Leute sollen danach die Woche noch auf der Arbeit davon erzählen. Das ist das Beste, was du schaffen kannst.
Aber bei der Extraschicht stehe natürlich nicht nur ich auf dem Programmzettel: Die zauberhaften Zucchini Sistaz sorgen für Musik und Unterhaltung. Der großartige Zauberer und Entertainer Schmitz-Backes wird ebenfalls auf der großen Bühne stehen und die Leute begeistern. Skotty der Eismann hat neben frostigen Süßspeisen seine Jazz-Trompete dabei. Thomas Benirschke zaubert an der Töpferscheibe und vieles mehr. Es gibt eine ordentliche Currywurst und unser Büdchen vom Förderverein ist auch dabei. Das wird gut.
Alle Infos zur Extraschicht im LWL-Museum für Archäologie und Kultur finden Interessierte hier: https://www.lwl-landesmuseum-herne.de/de/veranstaltungen/extraschicht/
In der Spezialführung führt Timo Reichelt anlässlich der Extraschicht durch die Dauerausstellung und die Sonderausstellung "Mahlzeit!".
Foto: LWL/ M. Hömberg
Timo Reichelt ist nicht nur Archäologe, sondern auch ausgebildeter Schmied.
Foto: LWL/ M. Hömberg
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Dr. Carolin Steimer, LWL-Archäologie für Westfalen, Telefon: 0251 591-3504 und Frank Tafertshofer, LWL-Pressestelle, Telefon: 0251 591-235
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