19.05.26 | Kultur LWL-Archäologe Kim Wegener: "Einfach ein geiles Teil"
Elfenbeinkamm ist neuer Höhepunkt der Dauerausstellung im LWL-Museum
Kim Wegener (rechts im Bild) bei der Ausgrabung auf der Holsterburg.
(Foto: LWL/ M. Thede)
Kim Wegener, Archäologe beim Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL), war Grabungsleiter auf der Holsterburg bei Warburg (Kreis Höxter) und dabei, als das seltene Stück aus der Erde geborgen wurde: "So etwas passiert in einem Archäologen-Leben nur einmal - einfach ein geiles Teil."
Herr Wegener, wie und wo wurde der Elfenbeinkamm gefunden?
'Ich glaube, ich habe ihn kaputtgemacht.' Mit diesem Satz kam unser Grabungshelfer Michael Wetzel damals auf mich zu und hielt einen kleinen Kamm in die Luft, 6,3 mal 7,1 Zentimeter groß. Seine Ängste waren völlig unbegründet, nichts war kaputtgegangen, vielmehr fehlten dem guten Stück schon ein paar Zacken, als es vor über 800 Jahren in der Erde verschwand. Wir sagen alt-gebrochen, dessen sind wir uns sicher, vor allem, weil die erkennbaren Schadstellen, überwiegend an den Kammzinken, zweifelsfrei nicht kürzlich entstanden waren. Wir haben außerdem keine weiteren Fragmente im Umfeld seiner Fundstelle gefunden.
Wussten Sie gleich, was der Kollege da in den Händen hielt?
Ich hatte zufällig kurz vorher einen Artikel über Funde aus Elfenbein gelesen. Deshalb kam mir das Material sofort in den Sinn. Ich wusste, dieser Kamm ist etwas ganz besonderes, herausragende Handwerkskunst - nicht nur wegen des Materials, sondern auch aufgrund des filigranen Musters: Auf der einen Seite jagt ein Hund einen Hasen, auf der anderen sind zwei Pfauen zu sehen. Solche Elfenbeinkämme, meist als 'liturgische Kämme' bezeichnet, findet man in aller Regel nur in Kloster- und Kirchenschätzen, wo sie oft mit Bischöfen, Heiligen oder Königen in Verbindung gebracht werden. Selten stößt man auf solche Objekte aber im Boden. Mir war daher auch gleich klar, dass er zeitnah fachgerecht behandelt werden muss. Also fuhr ich noch am selben Tag von der Ausgrabung nach Münster in die LWL-Restaurierungswerkstatt.
Dort hat die Kollegin Ruth Tegethoff dann die kommenden Monate ganze Arbeit geleistet. Im Austausch mit Fachleuten weltweit fand sie die ideale Methode, das äußerst sensible Material für die Nachwelt haltbar zu machen und kontrolliert zu trocknen. Ich bin mir sicher, sie hatte so manche schlaflose Nacht deswegen.
Warum?
Der Elfenbeinkamm ist in zweifacher Hinsicht ein Meisterwerk: Zum einen natürlich dank der zweifelsfreien Handwerkskunst, zum anderen aber auch im Hinblick auf die Arbeit der Restauratorin. Sie hat dafür gesorgt, dass wir ihn uns heute und in Zukunft so gut erhalten im LWL-Museum in Herne anschauen können. Unter dem Mikroskop hat man kürzlich sogar noch Reste von Gold im Auge des Hasen und auf dem Griff oberhalb der Pfauen entdeckt.
Wer hat den Kamm getragen? Wofür wurde er benutzt? Wo wurde er hergestellt?
Dafür muss man den Ort, an dem er gefunden wurde, in den Blick nehmen: Die Holsterburg bei Warburg ist nicht nur für Westfalen einzigartig. In ganz Europa gibt es nur wenige achteckige Anlagen und keine so weit im Norden. Als Architektur von europäischem Rang ist schon allein diese Grundform als Statussymbol zu sehen. Auch die qualitätsvolle Bauausführung, etwa im Bereich der Ringmauer, findet sich sonst in der Regel nur bei Burgen des Hochadels. In diese Ringmauer war übrigens darüber hinaus auch eine Warmluftheizung integriert.
Zahlreiche Funde aus dem Alltagsleben unterstreichen ebenfalls den Rang und den Status der Burgherren, namentlich der Edelherren von Holthusen. Insgesamt vier Spielsteine bilden außerdem ein greifbares Zeugnis adeliger Freizeitgestaltung. In dieses Bild passt auch der kostbare Elfenbeinkamm: Die darauf abgebildete Jagdszene erinnert ebenfalls an ein beliebtes Hobby der Adeligen. Aufgrund seines Fundortes und der Motivik war er darüber hinaus eindeutig für einen adeligen Käufer bestimmt und dürfte auch von diesem genutzt worden sein. Ob der Kamm im Mittelmeerraum, eventuell im Byzantinischen Reich, hergestellt wurde oder in einer Werkstatt nördlich der Alpen, etwa in Metz, Lüttich oder Köln, lässt sich derzeit nicht beantworten. Vielleicht wurde der Kamm aber auch in einem der naheliegenden Weserklöster gefertigt, am ehesten in Helmarshausen, heute Stadt Bad Karlshafen nahe Kassel in Hessen.
Warum wird er erst jetzt im Museum in Herne gezeigt?
Nachdem der Elfenbeinkamm 2017 gefunden und aufwendig restauriert wurde, ging es für ihn auf Reisen: So war er in Sonderausstellungen in Berlin, Münster und Paderborn zu sehen und ist jetzt endlich dort, wo er hingehört, im Westfälischen Landesmuseum, im LWL-Museum für Archäologie und Kultur in Herne.
Dort wird er auch in größerem Zusammenhang ab 2027 in einer Sonderausstellung über Burgen zu sehen sein. Dieser absolute Highlight-Fund zeigt uns, welche Kosten und Mühen westfälische Edelherren im Mittelalter auf sich nahmen, um mit hohen Geistlichen, sogar Königen mitzuhalten. Im LWL-Museum wird diese Lebensweise dem Leben der ländlichen Bevölkerung gegenübergestellt. Eine öffentliche Führung durch die Dauerausstellung, zum Elfenbeinkamm und vielen weiteren herausragenden Funden aus Westfalen bietet das Museum jeden Sonntag um 13 Uhr in einer öffentlichen Führung an.
Hintergrund-Informationen zum Exponat und zur Holsterburg
Eine weitere Info zum Fund des Elfenbeinkamms finden Sie hier: https://www.lwl.org/pressemitteilungen/nr_mitteilung.php?urlID=42283
Der Elfenbeinkamm als 3D-Modell zum Entdecken: https://100jahre100funde.lwl.org/de/100-fundeepochen/hoch-und-spatmittelalter/077-elfenbeinkamm/
Hier geht es zu einem Film der LWL-Archäologie für Westfalen mit einem 3D-Modell der Holsterburg: https://www.youtube.com/watch?v=dBmMObZoGO8
Auch die LWL-Altertumskommission stellt einen Film als "Archäologische Zeitreise in 2D" zur Verfügung: https://www.youtube.com/watch?v=17sK-fgIGpQ
Zu den Führungen
Die öffentliche Führung "gesucht. gefunden. ausgegraben." durch die Dauerausstellung steht im Mai an allen Sonn- und Feiertagen (24.5., 25.5., 26.5.) um 13 Uhr auf dem Programm. Bei dem Rundgang folgen Besuchende in einer nachgestalteten Ausgrabung den Spuren der Menschen in Westfalen. Neben zahlreichen Funden erwartet sie beispielsweise der in Mitteleuropa einmalige, bekannte Faustkeil aus Mammutknochen, der Schmuck der Damen von Ilse als eine der geheimnisvollsten Entdeckungen aus der Eisenzeit sowie das reich mit Beigaben ausgestattete Grab des Fürsten von Beckum.
Die Kosten für die öffentliche Führung betragen 2 Euro plus Museumseintritt.
Ab sofort ist im LWL-Museum ein weiterer Höhepunkt der LWL-Archäologie zu sehen: ein Kamm aus Elefantenelfenbein, gefunden auf der Holsterburg bei Warburg
(Foto: LWL/ C. Moors)
Der Elfenbeinkamm stammt aus dem 12. Jahrhundert und erzählt vom luxuriösen Leben der Edelherren auf der Holsterburg.
(Foto: LWL/ S. Brentführer)
Pressekontakt
Dr. Carolin Steimer, LWL-Archäologie für Westfalen, Telefon: 0251 591-3504 und Frank Tafertshofer, LWL-Pressestelle, Telefon: 0251 591-235
LWL-Museum für Archäologie und Kultur Herne
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Der LWL im Überblick
Der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) arbeitet als Kommunalverband mit mehr als 21.000 Beschäftigten für die 8,3 Millionen Menschen in der Region. Der LWL betreibt 35 Förderschulen, 20 Krankenhäuser, 18 Museen, zwei Besucherzentren und ist einer der größten Hilfezahler für Menschen mit Behinderung. Er erfüllt damit Aufgaben im sozialen Bereich, in der Behinderten- und Jugendhilfe, in der Psychiatrie und in der Kultur, die sinnvollerweise westfalenweit wahrgenommen werden. Ebenso engagiert er sich für eine inklusive Gesellschaft in allen Lebensbereichen. Die neun kreisfreien Städte und 18 Kreise in Westfalen-Lippe sind die Mitglieder des LWL. Sie tragen und finanzieren den Landschaftsverband, dessen Aufgaben ein Parlament mit 125 Mitgliedern aus den westfälischen Kommunen gestaltet.
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