05.05.26 | Soziales "Das sind alles unsere Kinder"
Wally und Norbert Böing geben jungen Menschen mit Behinderung ein Zuhause
Wally Böing ist seit 29 Jahren Pflegemutter. "Das sind alles unsere Kinder", sagt sie über Cederik (l.) und Julien (r.).
Foto: LWL/Nikolaus Urban
Achtung Redaktionen: LWL veröffentlicht zum Europäischen Protesttag zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderung unter https://scomp.ly/lwl-steppke-p eine Story über eine besondere Pflegefamilie
Münster (lwl). Die meisten Kinder leben zu Hause mit ihren leiblichen Eltern zusammen. Doch es gibt unterschiedliche Gründe, warum nicht alle Kinder und Jugendlichen in ihren Herkunftsfamilien aufwachsen können. Das gilt auch für Kinder mit Behinderung. Der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) finanziert spezielle Pflegefamilien für Kinder mit Behinderung, berät und begleitet die Familien über den STEPPKE-Verbund, der aus regionalen Anbietern besteht. Wie der Alltag in so einer Pflegefamilie aussieht, zeigt ein Besuch bei Walburga "Wally" und Norbert Böing im Münsterland.
Der Kaffeetisch ist gedeckt, der Tag ist durchgetaktet. Hinter dem scheinbar alltäglichen Tagesablauf der Familie Böing steckt ein Leben, das von Verantwortung, Nähe und permanenter Aufmerksamkeit geprägt ist. Der Kaffee läuft noch durch, während Wally Böing den Tisch deckt. Nach ein paar Minuten geht sie ins Wohnzimmer. Dort sitzt Julien vor dem Fernseher. Als sie ihn anspricht, reagiert er nicht, erst als sie ihn vorsichtig berührt und ihm dann auf die Beine hilft, schaut er sie kurz an. Cederik hingegen kommt von allein in die Küche, er ist selbstständiger.
Was nach einem gewöhnlichen Familienritual aussieht, ist für die Böings Teil eines durchstrukturierten Tages. Das Paar hat drei eigene Kinder - und drei weitere, die es als Pflegekinder aufgenommen hat. Das Besondere: Alle drei haben Unterstützungsbedarf. Cederik (29) und Julien (21) haben das Down-Syndrom, einen schweren Herzfehler sowie weitere angeborene Schädigungen und eine ganze Reihe von Erkrankungen. Alina (26) war ein Frühchen. Sie benötigt erhöhte Unterstützung im Alltag.
Dass Wally Böing diesen Weg gegangen ist, hat viel mit ihrer eigenen Geschichte zu tun. Sie wuchs mit einem Bruder mit einer Behinderung auf, der im Alter von vier Jahren in ein Heim kam. "Als Kind fand ich es schwierig, ihn nach einem Besuch wieder zu verlassen", erinnert sie sich. Später arbeitete sie in der Behindertenhilfe.
"Irgendwann haben wir uns gefragt: Was machen wir mit unserem Leben?" Die Antwort war kein spontaner Entschluss, sondern entwickelte sich über Jahre. "Ich habe mir schon immer gewünscht, eine Wohnfamilie zu gründen und Kindern ein sicheres, gutes, schönes Zuhause zu bieten", erzählt Walburga Böing. "Ein Zuhause, in dem Betreuung nicht endet, wenn jemand Feierabend hat, in dem Beziehungen entstehen können, weil die Zeit dafür da ist." Als Cederik vor 29 Jahren als Kleinkind zu ihnen kam, wurde diese Idee konkret. Dreieinhalb Jahre später folgte Alina, vor 17 Jahren Julien. Die Vermittlung erfolgte über das Martinistift der Alexianer, das die Familie auch heute noch begleitet.
Entscheidend für die Aufnahme eines Kindes seien Zeit, Verlässlichkeit und die Bereitschaft, das eigene Leben entsprechend auszurichten, sagt Kristina Klare, die im LWL-Referat Soziale Teilhabe für Kinder und Jugendliche für den STEPPKE-Verbund verantwortlich ist. "Pflegefamilien bieten Geborgenheit, Geduld und neue Perspektiven und machen Entwicklung möglich. Der Verbund steht ihnen zur Seite, weil Pflegeverhältnisse nicht nur vom Herzen, sondern auch von fachlicher Begleitung getragen werden", so Klare weiter. "Unser Ziel ist es, mehr Kindern mit Behinderung ein Aufwachsen in einer Familie statt in einer Einrichtung zu ermöglichen: mit mehr Nähe, mehr Stabilität und einer verlässlichen Beziehung im Alltag."
Für Wally Böing und ihren Mann bedeutet das im Alltag, dass sie mehr oder weniger ununterbrochen im Einsatz sind. Der Tag beginnt meist zwischen fünf und sechs Uhr. Ihr erster Weg führt zu Cederik. Morgens muss er vom Beatmungsgerät abgekoppelt werden, danach folgt die komplette Pflege. Julien braucht ebenfalls Unterstützung, vor allem Zeit und Begleitung. Parallel dazu organisiert Wally Böing Frühstück, Medikamente und den Ablauf des Tages.
Wenn sie das Haus verlassen will, muss sie für beide junge Männer einen Rollstuhl mitnehmen, ob für Klinik- und Arztbesuche, Spaziergänge oder Einkäufe. Auch das Mittagessen ist kein ruhiger Moment, sondern ein koordinierter Ablauf: Wer bekommt wann Unterstützung, was muss vorbereitet werden, wer braucht mehr Zeit? Nach dem Essen wird es dann ein bisschen leiser. Julien und Cederik ziehen sich zurück. Für einen Moment entsteht so etwas wie Ruhe - aber keine Pause. Danach geht die Familie gerne an die frische Luft, zum Beispiel mit einem Spezialfahrrad, das hinter dem Haus steht, oder auf das große Bett im Freien, das Walburga Böing im vergangenen Jahr für die Mittagspausen gekauft hat. Auch die Nächte verlaufen oft nicht ruhig: Mal liegt einer der beiden falsch, mal funktioniert die Beatmung nicht richtig. Durchschlafen kennt Wally Böing kaum.
"Ich werde oft gefragt, wie wir das durchhalten", sagt sie. Sie überlegt kurz. "Ich habe vorher nicht gewusst, ob ich ein Pflegekind so annehmen kann wie meine eigenen. Aber das wissen wir nun, es ist so, auch vom Gefühl her. Das sind alles unsere Kinder. Wir haben keines der 29 Jahre als Pflegeeltern bereut und würden uns immer wieder so entscheiden. Ich sehe außerdem jeden Tag, was es den beiden bringt, dass sie hier ihren Platz haben. Dass sie sich freuen, wenn wir zusammensitzen." Sie macht eine kleine Pause. "Und das kommt auch zurück. Nicht in großen Worten. Aber man merkt es."
Weitere Informationen zum STEPPKE-Verbund für potenzielle Pflegefamilien und Interessierte gibt es hier: http://www.steppke.lwl.org
Die Pflegefamilie ist gerne draußen, deshalb hat Wally Böing für die Mittagspause ein großes Bett im Freien aufgestellt, das sie hier gerade mit Julien (r.) nutzt.
Foto: LWL/Nikolaus Urban
Kristina Klare.
Foto: LWL/Nikolaus Urban
Pressekontakt
Markus Fischer, LWL-Pressestelle, Telefon: 0251 591-235
Der LWL im Überblick
Der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) arbeitet als Kommunalverband mit mehr als 21.000 Beschäftigten für die 8,3 Millionen Menschen in der Region. Der LWL betreibt 35 Förderschulen, 20 Krankenhäuser, 18 Museen, zwei Besucherzentren und ist einer der größten Hilfezahler für Menschen mit Behinderung. Er erfüllt damit Aufgaben im sozialen Bereich, in der Behinderten- und Jugendhilfe, in der Psychiatrie und in der Kultur, die sinnvollerweise westfalenweit wahrgenommen werden. Ebenso engagiert er sich für eine inklusive Gesellschaft in allen Lebensbereichen. Die neun kreisfreien Städte und 18 Kreise in Westfalen-Lippe sind die Mitglieder des LWL. Sie tragen und finanzieren den Landschaftsverband, dessen Aufgaben ein Parlament mit 125 Mitgliedern aus den westfälischen Kommunen gestaltet.
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