21.04.26 | Kultur "Typischer Verlauf einer sterbenden Sprache"
LWL-Experte zur Zukunft des Plattdeutschen im Alltag
Dr. Markus Denkler.
Foto: LWL/Markus Bomholt
Plattdeutsch verschwindet immer mehr aus dem westfälischen Alltag. Im Kulturbereich lebt es zwar auf Theaterbühnen, bei Lesungen oder Wettbewerben weiter und es gibt immer wieder junge Leute, die sich dafür interessieren. Doch das ist keine Trendwende, die die Sprache retten kann, glaubt Dr. Markus Denkler, Sprachwissenschaftler beim Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL). Ihm geht es darum, die Sprache zu dokumentieren. In der neuen Video-Serie "Guet Gaohn!" stellt der LWL regelmäßig plattdeutsche Wörter vor. Im Interview gibt der Geschäftsführer der LWL-Kommission für Mundart- und Namenforschung seine Einschätzung zur Zukunft des Plattdeutschen.
Wie sehen Sie die Zukunft der plattdeutschen Sprache?
Denkler: Man muss es nüchtern sehen: Plattdeutsch folgt dem typischen Verlauf einer sterbenden Sprache. Kurz bevor sie verschwindet, wächst oft noch einmal das Bewusstsein für ihren Wert. Sie wird gepflegt, gesammelt, bewahrt - aber ihren Bedeutungsverlust hält das in der Regel nicht auf.
Wer spricht heute überhaupt noch Platt?
Denkler: Leider nur noch Wenige. Die Menschen, die noch fließend Platt sprechen, gehören überwiegend zur älteren Generation. Früher war das anders: Plattdeutsch war Alltagssprache, Kinder lernten es ganz selbstverständlich von ihren Eltern. Das änderte sich, als Ende des 19. Jahrhunderts die allgemeine Schulpflicht eingeführt wurde. Hochdeutsch war die Sprache der Schule, und Plattdeutsch verlor stark an Bedeutung. Heute wird die Sprache in den meisten Familien gar nicht mehr weitergegeben. Nur wenn Großeltern und Enkel im selben Haus leben, wird Plattdeutsch manchmal noch an die Enkelkinder weitergegeben. So wie in der neuen Video-Serie "Guet Gaohn!", in der "Oma Else" ihrem "Enkel Erik" Begriffe wie "Poggenstohl", "usselig" oder "Freiseküddel" erklärt.
Würden Sie Plattdeutsch gern retten?
Denkler: "Retten" im Sinne von: alle sprechen wieder Platt - das ist unrealistisch. Unser Ziel ist es, die Sprache zu dokumentieren, zu erforschen und zu bewahren. Damit zukünftige Generationen noch verstehen können, was diese Sprache ausmacht. Das Bewusstsein dafür wächst übrigens: Mit jeder Sprache verschwindet ein Stück kulturelles Wissen. Deshalb ist es so wichtig, sie wenigstens so gut wie möglich zu dokumentieren. Dann geht sie nicht ganz verloren.
Kann da die moderne Technik nicht helfen?
Denkler: Einige Menschen versuchen tatsächlich, die Künstliche Intelligenz auch für die plattdeutsche Sprache zu nutzen. Vor allem beim geschriebenen Platt stehen die Chancen gar nicht schlecht, weil es viele Texte zum Üben gibt. Schwieriger ist es, wenn die Künstliche Intelligenz Plattdeutsch sprechen soll. Dafür braucht sie viele Tonaufnahmen auf Platt. Davon gibt es aber recht wenige. Außerdem unterscheidet sich das Platt in Westfalen-Lippe von Region zu Region. Die vorhandenen plattdeutschen Aufnahmen reichen deshalb wahrscheinlich nicht aus, damit die Künstliche Intelligenz Plattdeutsch sprechen lernen kann.
Zur Person
Dr. Markus Denkler ist Geschäftsführer der LWL-Kommission für Mundart- und Namenforschung Westfalens. Er kommt aus dem nördlichen Münsterland und ist mit Münsterländer Platt aufgewachsen. Die Sprache hat ihn so gepackt, dass er sie sogar studierte.
Die Video-Serie "Guet Gaohn!"
Oma Else telefoniert auf platt - Münsterländer Platt. Und wenn Enkel Erik und Nichte Nele zu Besuch sind, schnappen sie das eine oder andere Wort auf. Sie fragen sich: Was sind "Nachtpolter", "Poggenstohl" und "Freiseküddel"? Der LWL veröffentlicht regelmäßig Videos unter: https://www2.lwl.org/de/LWL/portal/lwl-storys/2026/guetgaohn/
Wort des Monats
"Knieptange", "Kinnergaoren", "Maihdiärschker" - die Bedeutung dieser plattdeutschen Wörter kann man relativ leicht aus dem Hochdeutschen herleiten. Sie stellen nämlich genaue lautliche Entsprechungen von "Kneifzange", "Kindergarten" und "Mähdrescher" dar. Der Wortschatz des Plattdeutschen ist allerdings über die Jahrhunderte eigenständig gewachsen, und so finden sich viele Wörter, die sich nicht so einfach aus dem Hochdeutschen herleiten lassen. Der LWL stellt deshalb seit 2019 das "Wort des Monats" vor. Hier finden sich alle Wörter des Monats:https://www.mundart-kommission.lwl.org/de/forschung/niederdeutsch/wort-des-monats/
In der neuen Video-Serie "Guet Gaohn!" stellt der LWL regelmäßig plattdeutsche Wörter vor.
Foto: LWL
Pressekontakt
Markus Fischer, LWL-Pressestelle, Telefon: 0251 591-235
Kommission für Mundart- und Namenforschung Westfalens
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Der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) arbeitet als Kommunalverband mit mehr als 21.000 Beschäftigten für die 8,3 Millionen Menschen in der Region. Der LWL betreibt 35 Förderschulen, 20 Krankenhäuser, 18 Museen, zwei Besucherzentren und ist einer der größten Hilfezahler für Menschen mit Behinderung. Er erfüllt damit Aufgaben im sozialen Bereich, in der Behinderten- und Jugendhilfe, in der Psychiatrie und in der Kultur, die sinnvollerweise westfalenweit wahrgenommen werden. Ebenso engagiert er sich für eine inklusive Gesellschaft in allen Lebensbereichen. Die neun kreisfreien Städte und 18 Kreise in Westfalen-Lippe sind die Mitglieder des LWL. Sie tragen und finanzieren den Landschaftsverband, dessen Aufgaben ein Parlament mit 125 Mitgliedern aus den westfälischen Kommunen gestaltet.
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