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17.04.26 | Kultur Zwischen Fürsorge und Fremdbestimmung

LWL veröffentlicht wissenschaftliche Publikation zur historischen Aufarbeitung der "Kinderverschickung"

Cover des neuen Bandes über Kinderkuren, herausgegeben von Katharina Tiemann und Dr. Jens Gründler, erschienen im Verlag Brill-Schöningh. <br>Bild: LWL

Cover des neuen Bandes über Kinderkuren, herausgegeben von Katharina Tiemann und Dr. Jens Gründler, erschienen im Verlag Brill-Schöningh.
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Münster (lwl). Bad Sassendorf, Bad Oeynhausen, der Teutoburger Wald oder das Sauerland - Kinderkuren waren über Jahrzehnte fester Bestandteil der westdeutschen Gesundheits- und Fürsorgepraxis und gehörten zum Aufwachsen in der Bundesrepublik. Millionen Kinder wurden zur Erholung an die See, in die Berge oder in spezialisierte Heime geschickt - verbunden mit der Hoffnung auf gesundheitliche Stärkung und soziale Förderung. Allein zwischen 1945 und 1990 waren es schätzungsweise bis zu 13 Millionen Kinder und Jugendliche. Doch viele dieser ehemaligen Kurkinder erinnern sich an diese Aufenthalte bis heute auch als belastende Erfahrungen. Mit dem neu erschienenen Sammelband "Kinderkuren in Deutschland 1945 bis 1990. Perspektiven aus archivarischer und historischer Sicht" legt der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) nun eine wissenschaftliche Publikation vor, die sich diesem lange wenig beachteten Kapitel deutscher Nachkriegsgeschichte aus unterschiedlichen Perspektiven widmet.

Herausgegeben von Katharina Tiemann vom LWL-Archivamt für Westfalen und Dr. Jens Gründler vom LWL-Institut für westfälische Regionalgeschichte bündelt die Publikation aktuelle Forschungen aus Geschichts- und Archivwissenschaft. Dass die Forschung dazu ausgerechnet in Münster und Westfalen einen wichtigen Ausgangspunkt hat, ist kein Zufall: Der LWL spielte historisch selbst eine bedeutende Rolle bei der Organisation von Kinderkuren in Westfalen. In Spitzenzeiten vermittelte der Verband jährlich bis zu 30.000 Kinder in Kurmaßnahmen.

"Wir verstehen den Sammelband nicht nur als Beitrag zur historischen Forschung und archivarischen Praxis, sondern auch als Einladung, ein lange verdrängtes Kapitel deutscher Sozialgeschichte neu zu betrachten - kritisch, differenziert und mit Blick auf die Erfahrungen der Betroffenen", sagt Herausgeberin Tiemann. Mitherausgeber Gründler ergänzt: "Die Auseinandersetzung mit den Erfahrungen ehemaliger Kurkinder ist nicht nur ein Beitrag zur Regionalgeschichte, sondern auch zur gesellschaftlichen Erinnerungskultur."

Mit seinem interdisziplinären Ansatz richtet sich das Werk somit nicht nur an Wissenschaft und Fachöffentlichkeit, sondern auch an Betroffene, Initiativen und alle historisch Interessierten.

Die Publikation geht zurück auf die Fachtagung "Wissenschaftliche Aufarbeitung von Kinderverschickung in NRW - eine Zwischenbilanz", die 2024 in Münster vom LWL-Archivamt für Westfalen und dem LWL-Institut für westfälische Regionalgeschichte veranstaltet wurde, gefördert vom NRW-Sozialministerium. Die Tagung dokumentierte den aktuellen Stand der Forschung und setzte zugleich neue Impulse für die weitere wissenschaftliche und gesellschaftliche Auseinandersetzung.

Dank einer weiteren Förderung des Ministeriums für Arbeit, Gesundheit und Soziales des Landes NRW ist dieser Band im Open Access erschienen und ist unter https://brill.com/display/title/74391 oder unter dem QR-Code kostenfrei als PDF zugänglich und herunterladbar.

Gründler, Jens; Tiemann, Katharina (Hg.) (2026):
Kinderkuren in Deutschland 1945 bis 1990
Perspektiven aus archivarischer und historischer Sicht
Paderborn: Brill | Schöningh (= Forschungen zur Regionalgeschichte; Bd. 93).
Hardcover (gebundene Ausgabe).
236 Seiten. ISBN-13: 978-3-506-70530-3. E-ISBN: 978-3-657-70530-6.
Preis (Hardcover): 64 Euro, E-Book im Open Access zum freien Download

Über diesen QR-Code kann das E-Book heruntergeladen werden.

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Blick auf eine Liegehalle einer Kinderheilanstalt in Bad Sassendorf, ca 1913. In Bad Sassendorf wurden zwischen 1877 und 1928 fünf Kindererholungsheime eingerichtet. <br>Foto: LWL/Heinrich Genau

Blick auf eine Liegehalle einer Kinderheilanstalt in Bad Sassendorf, ca 1913. In Bad Sassendorf wurden zwischen 1877 und 1928 fünf Kindererholungsheime eingerichtet.
Foto: LWL/Heinrich Genau

Kindergruppe vor einem Gradierwerk in Bad Rothenfelde, ca. 1970.<br>Foto: LWL-Medienzentrum für Westfalen

Kindergruppe vor einem Gradierwerk in Bad Rothenfelde, ca. 1970.
Foto: LWL-Medienzentrum für Westfalen

Pressekontakt

Dr. Greta Civis, LWL-Institut für westfälische Regionalgeschichte, Telefon: 0251 591-5706, greta.civis@lwl.org und Markus Fischer, LWL-Pressestelle, Telefon: 0251 591-235

presse@lwl.org

Der LWL im Überblick

Der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) arbeitet als Kommunalverband mit mehr als 21.000 Beschäftigten für die 8,3 Millionen Menschen in der Region. Der LWL betreibt 35 Förderschulen, 20 Krankenhäuser, 18 Museen, zwei Besucherzentren und ist einer der größten Hilfezahler für Menschen mit Behinderung. Er erfüllt damit Aufgaben im sozialen Bereich, in der Behinderten- und Jugendhilfe, in der Psychiatrie und in der Kultur, die sinnvollerweise westfalenweit wahrgenommen werden. Ebenso engagiert er sich für eine inklusive Gesellschaft in allen Lebensbereichen. Die neun kreisfreien Städte und 18 Kreise in Westfalen-Lippe sind die Mitglieder des LWL. Sie tragen und finanzieren den Landschaftsverband, dessen Aufgaben ein Parlament mit 125 Mitgliedern aus den westfälischen Kommunen gestaltet.

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