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13.04.26 | Psychiatrie Vom Kinderwagen bis zur Konsole

LWL-Expert:innen warnen: Warum frühe Mediennutzung die Entwicklung von Kindern gefährdet

Warnt vor den Folgen früher Mediennutzung: Prof. Dr. Tanja Legenbauer, Leiterin der Forschungsabteilung der LWL-Universitätsklinik Hamm und Mitautorin der DGKJP-Stellungnahme, fordert mehr Medienkompetenz und Schutzräume für Kinder. <br>Bild: LWL

Warnt vor den Folgen früher Mediennutzung: Prof. Dr. Tanja Legenbauer, Leiterin der Forschungsabteilung der LWL-Universitätsklinik Hamm und Mitautorin der DGKJP-Stellungnahme, fordert mehr Medienkompetenz und Schutzräume für Kinder.
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Hamm/Marl-Sinsen (lwl). Ob im Kinderwagen, am Esstisch oder bis tief in die Nacht an der Konsole: Digitale Medien dominieren zunehmend den Alltag junger Menschen - mit teils schwerwiegenden Folgen für deren psychische Gesundheit. Dr. Rüdiger Haas, Ärztlicher Direktor des LWL-Klinikums Marl-Dortmund, und Prof. Dr. Tanja Legenbauer, Leiterin der Forschungsabteilung der LWL-Universitätsklinik Hamm im Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL), beziehen Stellung zu diesem Thema.

Frage: Welche Entwicklungen in der Alltagsnutzung digitaler Medien sehen Sie derzeit als besonders auffällig oder besorgniserregend bei jungen Menschen?
Tanja Legenbauer: Im Alltag - sowohl im Privatleben als auch in meinem beruflichen Kontext - erlebe ich immer wieder Situationen, in denen bereits kleine Kinder mit digitalen Medien konfrontiert sind. Sei es am Tisch im Restaurant, im Kinderwagen oder im therapeutischen Gespräch. Gerade diese frühe Nutzung besorgt mich, da der Umgang mit digitalen Medien bereits im Kleinkindalter negative Auswirkungen auf die kognitive, sprachliche und soziale Entwicklung haben kann. Digitale Medien haben in allen Lebensbereichen Einzug gehalten und dominieren den Alltag unserer Kinder und Jugendlichen - aber auch den der Erwachsenen. Das Smartphone wird zu Verabredungen, zum Spielen, für den sozialen Austausch und zur Informationssuche genutzt. In der Schule wird am Tablet gearbeitet, nachmittags und abends zusätzlich an der Playstation oder am PC mit Freunden gespielt. Die "Offline"-Alternativen sind häufig langweiliger oder auch schwieriger verfügbar und brauchen mehr Organisationsaufwand. Und auch viele Eltern verbringen zunehmend mehr Zeit an ihren Geräten. Das soziale Miteinander findet entsprechend auch in den Familien manchmal nur noch sehr begrenzt statt. Gleichzeitig fehlt bei vielen jungen Menschen und auch Eltern die notwendige Medienkompetenz, um sicher und verantwortungsbewusst mit digitalen Medien umzugehen. Eine gute Anleitung durch die Eltern fehlt dann oftmals. Das macht mir Sorgen. Denn damit sind die Kinder und Jugendlichen ungeschützt auch schädlichen Inhalten ausgesetzt.

Frage: Welche Formen problematischer Mediennutzung führen Kinder und Jugendliche aktuell am häufigsten in das LWL-Klinikum Marl-Dortmund und mit welchen begleitenden psychischen Belastungen gehen diese Fälle häufig einher?
Claus-Rüdiger Haas: Am häufigsten sehen wir Patientinnen und Patienten, die lange und intensiv am Computer spielen. Diese finden häufig kein Ende, einige spielen bis tief in die Nacht hinein und schaffen es morgens nicht, in die Schule zu gehen. Es kommt zu einer Tag-Nacht-Umkehr und einer Schulabstinenz. Das führt zu einer erheblichen Entwicklung. Meist entwickelt sich parallel eine depressive Symptomatik. Am Ende trauen sich die Patientinnen und Patienten gar nicht mehr aus ihrem Zimmer heraus, entwickeln soziale Ängste. Diese "Gaming Disorder" ist inzwischen als eine eigenständige psychiatrische Erkrankung anerkannt. Daneben sehen wir viele Jugendliche, aber auch schon Kinder, die in den sozialen Medien gefangen sind, sich davon nicht mehr lösen können. Die Algorithmen der sozialen Medien verführen zu einem ungesteuerten, unkontrollierten Konsum. Aktives soziales Erleben findet kaum noch statt. Auch hier kommt es zu Rückzug und zunehmend depressiver Symptomatik.

Frage: Würde ein gesetzliches Verbot die zugrundeliegenden Ursachen problematischer Mediennutzung tatsächlich reduzieren oder braucht es aus Ihrer Sicht andere oder ergänzende Maßnahmen?
Haas: Ein gesetzliches Verbot wäre sicher nur ein Teil der Lösung. Aus kinder- und jugendpsychiatrischer Sicht scheint es aber erforderlich zu sein, das Angebot der Nutzung sozialer Medien deutlich einzuschränken. Es gelingt den Kindern und Jugendlichen kaum noch, sich von den angebotenen, schon beschriebenen Algorithmen zu lösen. Häufig sind die Kriterien von Sucht erfüllt. Die Nutzung nimmt immer mehr zu. Man spürt, dass man es lassen müsste, um sich wieder mit Freunden zu treffen oder für die Schule zu lernen. Trotzdem macht man weiter, kann sich nicht distanzieren. Parallel dazu ist es mindestens genauso wichtig, Alternativen mit den Kindern und Jugendlichen zu erarbeiten und Kompetenzen zu vermitteln, wie sie mit Medien überhaupt und insbesondere den sozialen Medien umgehen können. Das ist eine gesellschaftliche Aufgabe und darf nicht alleine den Eltern überlassen werden.

Frage: Was braucht es aus Ihrer Perspektive, um Kinder und Jugendliche im Umgang mit sozialen Medien wirksam zu stärken?
Legenbauer: Ich finde insbesondere Prävention und Aufklärung über die Risiken und Chancen sozialer Medien in Schulen und Familien sehr wichtig, um Medienkompetenz zu fördern. Kinder und Jugendliche sollten lernen, kritisch mit digitalen Inhalten umzugehen, ihre Privatsphäre zu schützen und verantwortungsvoll zu kommunizieren. Eltern müssen über die Gefahren und den verantwortungsvollen Umgang mit digitalen Medien informiert werden und sollten unterstützt werden, klare Regeln und Grenzen zu setzen. Auch Hilfen bei ersten Anzeichen von Problemen wie exzessiver Nutzung, Cybermobbing oder psychischen Belastungen sollten frühzeitig angeboten werden können. Dazu müssen Strukturen geschaffen werden. Auch braucht es in diesem Bereich mehr Forschung zu den Langzeitwirkungen digitaler Medien und es müssen evidenzbasierte Präventions- und Interventionsprogramme weiter entwickelt werden. Politisch müssten aus meiner Sicht klare regulatorische Rahmenbedingungen geschaffen werden, die den Schutz von Kindern und Jugendlichen im digitalen Raum sicherstellen, z.B. durch Alterskennzeichnungen, Datenschutz und Maßnahmen gegen Cybermobbing. Und ganz wichtig: Soziale Medienplattformen sollten Verantwortung für Inhalte übernehmen und Maßnahmen zur Sicherheit und zum Wohlbefinden junger Nutzer implementieren. Insgesamt braucht es interdisziplinäre Zusammenarbeit von Pädagogen, Eltern, Politik und der Medienindustrie, um wirklich Veränderungen zu schaffen und unsere Kinder und Jugendlichen zu schützen und die positiven Aspekte der digitalen Möglichkeiten sicher zugänglich zu machen.

Hintergrund
Fachliche Einordnung und Studienlage
Prof. Dr. Tanja Legenbauer ist Mitautorin der Arbeitsgruppe "Mediennutzung und psychische Gesundheit". Die aktuelle Stellungnahme der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie e. V. (DGKJP) bietet vertiefende Informationen zu den Auswirkungen digitaler Medien auf die Entwicklung junger Menschen.

Die vollständige Stellungnahme finden Sie online unter:

https://www.dgkjp.de/nutzung-digitaler-medien-und-psychische-gesundheit-von-kindern-und-jugendlichen/

Beobachtet eine Zunahme von Gaming Disorder und Schulabstinenz: Dr. Claus-Rüdiger Haas, Ärztlicher Direktor des LWL-Klinikums Marl-Dortmund, sieht in den Algorithmen sozialer Medien eine Gefahr für die psychische Gesundheit. <br>Bild: LWL

Beobachtet eine Zunahme von Gaming Disorder und Schulabstinenz: Dr. Claus-Rüdiger Haas, Ärztlicher Direktor des LWL-Klinikums Marl-Dortmund, sieht in den Algorithmen sozialer Medien eine Gefahr für die psychische Gesundheit.
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Pressekontakt

Klaudia Suilmann, LWL-Universitätsklinik Hamm, Telefon: 02381 893-5018, klaudia.suilmann@lwl.org und Thorsten Fechtner, LWL-Pressestelle, Telefon: 0251 591-235

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