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01.04.26 | Kultur Großer Fund mit winzigen Zähnen: Neue Säugetiergattung aus der Kreidezeit in Balve entdeckt

LWL präsentiert neue Forschungsergebnisse aus der paläontologischen Bodendenkmalpflege

LWL-Kulturdezernentin Dr. Barbara Rüschoff-Parzinger (2.v.r.) verschafft sich einen Überblick über die wichtigsten Funde der letztjährigen Grabungssaison aus Balve.<br>Foto: LWL/Steinweg

LWL-Kulturdezernentin Dr. Barbara Rüschoff-Parzinger (2.v.r.) verschafft sich einen Überblick über die wichtigsten Funde der letztjährigen Grabungssaison aus Balve.
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Balve (lwl). Ein nur 1,3 Millimeter langer Zahn liefert neue Erkenntnisse über die Tierwelt der Kreidezeit in Westfalen: Ein internationales Forschungsteam hat anhand des Fossils eine neue Säugetiergattung und -art beschrieben. Der Name: Angrivarodon goresi. Damit ist in Balve die dritte Gattung aus der Gruppe der Multituberculata nachgewiesen worden. Insgesamt ist Angrivarodon goresi bereits die achte Säugetierart, die an dem Fundort und aus dieser Zeit entdeckt wurde.

Für den Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) ist der Fund von ganz besonderer Bedeutung: "Balve ist in Deutschland bislang der einzige Fundpunkt für Säugetiere aus der Kreidezeit", sagt LWL-Kulturdezernentin Dr. Barbara Rüschoff-Parzinger. "Solche Funde zeigen eindrucksvoll, welch außergewöhnliches wissenschaftliches Potenzial in den paläontologischen Bodendenkmälern Westfalens steckt."

"Selbst kleinste Fossilien aus Balve geben neue Einblicke in ein 125 Millionen Jahre altes Ökosystem. Dass solche 'Stecknadeln im Heuhaufen' überhaupt gefunden werden, ist ein Verdienst unseres hoch spezialisierten Teams der paläontologischen Bodendenkmalpflege", betont Museumsdirektor Prof. Dr. Jan Ole Kriegs.

Perlen in einem Wust aus Fossilien
Der Zahn, um den es geht, ist so klein, dass er mit bloßem Auge nicht von einem Sandkorn zu unterscheiden ist. Er ist 1,3 Millimeter lang und 0,8 Millimeter breit. Das er entdeckt wurde, liegt an den detaillierten Arbeitsmethoden dieser Grabung, bei der jedes Fossil, das 0,5 Millimeter oder größer ist, gefunden und untersucht wird.

"Wir finden auch die Nadeln im Heuhaufen", sagte Dr. Achim Schwermann, Wissenschaftler am LWL-Museum für Naturkunde und Leiter der Ausgrabung. "Möglich macht das nur eine eingespielte Teamarbeit: die groß angelegte Grabung im Gelände mit einem großen Team, die routinierte Aufbereitung der Sedimentproben, das geduldige Auslesen unter dem Mikroskop und die Zusammenarbeit mit internationalen Fachleuten, die die Funde aus Balve seit Jahren in einen globalen Zusammenhang stellen. So findet man die Perlen in einem Wust aus Fossilien", erläutert der Paläontologe.

Um Arbeit verdient gemacht
Die neu beschriebene Gattung gehört zu den Multituberculata, einer sehr erfolgreichen und formenreichen ausgestorbenen Säugergruppe. Der Gattungsname Angrivarodon nimmt Bezug auf die Angrivarier, einen germanischen Stamm. Damit greift das Forschungsteam eine Benennungstradition auf: Aus der Gruppe der Multituberculata sind bereits zahlreiche asiatische Gattungen bekannt, deren Namen auf historische Volksgruppen zurückgehen. Der Artname "goresi" ehrt Jerome Gores, der sich als technischer Grabungsleiter bei der Grabung in Balve verdient gemacht hat. Seit 2020 verbringt Gores jeden Sommer drei Monate im Steinbruch und ermöglicht so, dass ein großes Team dort graben und dadurch viele Funde bergen kann.

Vielfältige Säugetierfauna der Kreidezeit
Nach Einschätzung der Forschenden war das Tier selbst weniger als 10 Zentimeter lang. Damit gehörte es zu den kleinsten bekannten Säugetieren seines Lebensraumes. Die Funde aus Balve belegen zugleich, dass die Säugetierfauna der Kreidezeit erstaunlich vielfältig war: Nachgewiesen sind bislang Formen mit Kopf-Rumpf-Längen von etwa vier bis fünf bis hin zu rund 30 Zentimetern. Darunter waren Insektenfresser, Pflanzenfresser und Allesfresser.

Das in Balve untersuchte Material wurde vor rund 125 Millionen Jahren in ein Höhlensystem eingespült. Erhalten blieben dort die Reste ganz unterschiedlicher Tiere, die in demselben Ökosystem lebten. Gerade diese außergewöhnliche Fundlage macht den Ort für die Forschung so wertvoll. "Balve ist seit Jahren ein Schlüsselort für die Erforschung früher Säugetiere in Europa", so Schwermann. "Jeder neue Fund erweitert nicht nur unser Wissen über Westfalen, sondern über die Entwicklung der Säugetiere in einem globalen Kontext."

Die neue Art wurde von einem internationalen Autorenteam wissenschaftlich bearbeitet.

Die Fachpublikation wurde nun in der Zeitschrift "PalZ" veröffentlicht:

Martin, T., Averianov, A.O., Lang, A.J., Schultz, J.A. & Schwermann, A.H.: A new paulchoffatiid and additional multituberculate (Mammalia) remains from the Lower Cretaceous (Barremian-Aptian) of Germany. - PalZ. https://doi.org/10.1007/s12542-025-00765-6


Hintergrund
Die Funde aus Balve stehen in einer Reihe bedeutender paläontologischer Entdeckungen in Westfalen. Seit Jahren untersucht der LWL dort mit großem personellem und wissenschaftlichem Aufwand Sedimente aus der Unterkreide. Die Arbeiten der paläontologischen Bodendenkmalpflege zeigen, dass selbst unscheinbare Proben grundlegende Erkenntnisse zur Entwicklung früher Wirbeltiere liefern können. Die Grabungen, die Aufbereitung der Schlämmproben und die Auswertung in internationaler Zusammenarbeit machen Balve zu einem herausragenden Forschungsstandort der westfälischen Paläontologie.

Museumsdirektor Prof. Dr. Jan Ole Kriegs (v.l.) und Paläontologe Dr. Achim Schwermann zeigen LWL-Kulturdezernentin Dr. Barbara Rüschoff-Parzinger den winzigen Zahn, der nach dem geologisch-paläontologischen Präparator Jerome Gores benannt wurde. Foto: LWL/Steinweg

Museumsdirektor Prof. Dr. Jan Ole Kriegs (v.l.) und Paläontologe Dr. Achim Schwermann zeigen LWL-Kulturdezernentin Dr. Barbara Rüschoff-Parzinger den winzigen Zahn, der nach dem geologisch-paläontologischen Präparator Jerome Gores benannt wurde. Foto: LWL/Steinweg

Pressekontakt

Bianca Fialla, LWL-Museum für Naturkunde, Telefon: 0251 591-6066

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