17.03.26 | Kultur "Demokratie braucht starke Archive"
Kommunalarchive vor Herausforderungen: 77. Westfälischer Archivtag
Eine Flut an Informationen und Bildern prasselt täglich über analoge wie digitale Kanäle auf Menschen ein. Dabei fällt es zunehmend schwer, Tatsächliches von Falschem zu unterscheiden. Bewusste Desinformation und sogenannte Fake News bedrohen auch den demokratischen Diskurs.
Eine Talkrunde zum Auftakt des Westfälschen Archivtages beleuchtete diese Entwicklung und schaut dabei insbesondere auf die Rolle der Archive. "Vor allem die öffentlichen Archive haben eine besondere Verantwortung", so LWL-Kulturdezernentin Dr. Barbara Rüschoff-Parzinger. "Archive verwahren Informationen, bürgen für deren Authentizität und ermöglichen vielfältige Perspektiven auf die Vergangenheit. Ein demokratischer Rechtsstaat braucht starke Archive."
Dr. Michaela Stoffels vom Deutschen Städtetag: "Ganz konkret und vor Ort befähigen Kommunalarchive Bürgerinnen und Bürger zu einer kritischen Auseinandersetzung mit der Vergangenheit und zu einem besseren Verständnis der Gegenwart. Damit tragen sie entscheidend zur Förderung und Stärkung der Demokratie in einer inklusiven und diversen Gesellschaft bei."
Internetseiten, auch von Kommunen, und Social-Media-Kanäle sind heute zentrale Informationsquellen für Bürgerinnen und Bürger. Dabei wächst die Bedeutung der Sozialen Medien. Gerade für Politiker sind sie kein bloßes Zusatzangebot mehr, sondern zentrales Werkzeug für strategische Kommunikation und Mobilisierung.
Doch das Internet sei vergesslich, hieß es auf der Tagung. Websites blieben durchschnittlich nur wenige Monate unverändert, und in den Sozialen Medien sei "neues Futter" tägliche Pflicht. Die dauerhafte Sicherung von Informationen dieser "flüchtigen Medien" stelle eine Herausforderung für Kommunalarchive dar.
"Daher bilden Webarchivierung und Social Media-Archivierung einen weiteren Schwerpunkt dieses Archivtages", so Prof. Dr. Marcus Stumpf, Leiter des LWL-Archivamtes in Münster. "Ohne gezielte Webarchivierung drohen riesige Lücken in unserem kulturellen Gedächtnis, und dies nicht erst in einigen Jahrzehnten, sondern unmittelbar für die Zeitgeschichtsforschung."
Kommunalarchive stünden vor einer doppelten Herausforderung: Sowohl die Sicherung digitaler Quellen fordere die Archive als auch die fachgerechte Unterbringung der "Papierarchive". Die Anpassung an den Klimawandel zähle bei der klassischen Archivarbeit zu den größten Herausforderungen. "Klimamodelle gehen von einer deutlichen Zunahme von Wärme- und Hitzetagen und -nächten aus, sodass selbst moderne Archivmagazine mit Blick auf die Stabilität von Temperatur und Luftfeuchtigkeit an ihre Grenzen stoßen", führte Stumpf aus. "Und nicht nur das: Zunehmende Unwetterkatastrophen, verursacht durch extreme Niederschläge, gefährden Archive, die potenziellen Gefährdungsgebiete werden immer größer. Archive sichern dauerhaft das kulturelle Erbe, daher müssen dringend Lösungsansätze diskutiert werden. Neben baulichen Maßnahmen müssen wir auch das Notfall- und Krisenmanagement verbessern."
Gastgeberin des Archivtages ist die Stadt Castrop-Rauxel, die ihr 100-jähriges Jubiläum feiert. Am 1. April 1926 wurden die Gemeinden Castrop, Rauxel und weitere Ortsteile zur heutigen Stadt zusammengeschlossen. "Ich verstehe unser Jubiläum als ideale Gelegenheit, die Menschen zu würdigen, die Castrop-Rauxel durch ihr Engagement geprägt haben und weiter prägen. Eine Schlüsselrolle kommt dabei unserem Stadtarchiv zu. Ohne die dort bewahrten Dokumente wäre eine authentische Rückschau auf 100 Jahre Stadtgeschichte gar nicht möglich.", betont Bürgermeister Rajko Kravanja.
Neue fachliche Herausforderungen: Archive sichern zunehmend rein digitale Quellen.
Foto: Markus Bomholt (Münster/Hameln)
Klimamessung (Temperatur und Luftfeuchte) in einem Archivmagazin.
Foto: Markus Bomholt (Münster/Hameln)
Fachgerechte Unterbringung von Archivgut in einem Archivmagazin.
Foto: Markus Bomholt (Münster/Hameln)
Im Zuge der Webarchivierung müssen auch Homepages von Kommunen mit vielfältigen Informationsangeboten dauerhaft gesichert werden.
Stadthalle Castrop-Rauxel - Tagungsort des 77. Westfälischen Archivtages.
Foto: Stadtarchiv Castrop-Rauxel
Pressekontakt
Frank Tafertshofer, LWL-Pressestelle, Telefon: 0251 591-235 und Katharina Tiemann, LWL-Archivamt für Westfalen, Telefon: 0251 591-5778, katharina.tiemann@lwl.org
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Der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) arbeitet als Kommunalverband mit mehr als 21.000 Beschäftigten für die 8,3 Millionen Menschen in der Region. Der LWL betreibt 35 Förderschulen, 20 Krankenhäuser, 18 Museen, zwei Besucherzentren und ist einer der größten Hilfezahler für Menschen mit Behinderung. Er erfüllt damit Aufgaben im sozialen Bereich, in der Behinderten- und Jugendhilfe, in der Psychiatrie und in der Kultur, die sinnvollerweise westfalenweit wahrgenommen werden. Ebenso engagiert er sich für eine inklusive Gesellschaft in allen Lebensbereichen. Die neun kreisfreien Städte und 18 Kreise in Westfalen-Lippe sind die Mitglieder des LWL. Sie tragen und finanzieren den Landschaftsverband, dessen Aufgaben ein Parlament mit 125 Mitgliedern aus den westfälischen Kommunen gestaltet.
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