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11.03.26 | Psychiatrie Mit der Kraft von Nadel und Wolle

Im LWL-Klinikum Gütersloh werden positive Gedanken "verstrickt"

Im Kreis sitzen die Patientinnen und Patienten während der wöchentlich stattfindenden Strickgruppe zusammen. Gesundheits- und Krankenpflegerin Dorothea Gnioth leitet die Gruppe.<br>Foto: privat

Im Kreis sitzen die Patientinnen und Patienten während der wöchentlich stattfindenden Strickgruppe zusammen. Gesundheits- und Krankenpflegerin Dorothea Gnioth leitet die Gruppe.
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Gütersloh (lwl). Stricken kann weit mehr sein als ein kreatives Hobby, im Klinikum Gütersloh des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL) ist es fester Bestandteil des therapeutischen Angebots. Die von Pflegefachkraft Dorotea Gnioth entwickelte "Wohl-Strick-Gruppe" bereichert das Therapieprogramm der LWL-Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie (PSM). Ziel ist es, Patientinnen und Patienten durch Handarbeit dabei zu unterstützen, zur Ruhe zu kommen, positive Gedanken "zu verstricken" und neue Sicherheit im eigenen Handeln zu gewinnen.

Das Angebot richtet sich an Psychosomatik-Patientinnen und -Patienten aller Altersgruppen, ganz bewusst mit und ohne Vorkenntnisse. Rund die Hälfte der Teilnehmenden können beim ersten Besuch der Gruppe bereits stricken, viele bringen angefangene Projekte von zu Hause mit, für deren Fertigstellung sie krankheitsbedingt nicht mehr die nötige Kraft hatten. Andere lernen die Handarbeitsgrundlagen in der Gruppe. Nach nur wenigen Treffen berichten viele Patientinnen und Patienten, dass sie sich wieder zutrauen, selbstständig zu stricken und dieses Ritual in ihren heimischen Alltag zu integrieren. Und genau das ist das Ziel: "Das Stricken soll ein positiv besetztes Thema sein. Die Patientinnen und Patienten können sich zu Hause eine Möglichkeit des Rückzugs und der Konzentration auf ein Thema schaffen", erklärt Dorotea Gnioth, die das Angebot leitet. Damit die positive Besetzung des Themas leichter gelingt, steuert die erfahrene Gesundheits- und Krankenpflegerin bewusst die Gespräche in der Gruppe. "Es stehen positive Gesprächsthemen im Vordergrund", erklärt Gnioth. Ausliegende Karten mit entsprechenden Fragen helfen dabei.

Die Strickgruppe findet jeden Donnerstagnachmittag für 60 Minuten mit rund einem halben Dutzend Teilnehmenden statt. Der Raum wird bewusst schlicht, aber einladend gestaltet: gute Beleuchtung, frische Luft, eine gemütliche Sitzordnung im Kreis mit Decken und Kissen sowie Tee, Wasser und kleine Snacks schaffen eine Atmosphäre, in der Entspannung und Austausch möglich werden. Die Erfahrung, mit einfachen Mitteln Wohlbefinden zu gestalten, können die Teilnehmenden nach der regelhaft sechswöchigen psychosomatischen Behandlung leicht in ihr häusliches Umfeld übertragen. "Mit nach Hause können selbstverständlich auch die im Rahmen der Behandlung beispielsweise gefertigten Schals oder Socken genommen werden", erklärt die pflegerische Leiterin Bettina Birwe, "als dann im besten Fall positiv besetztes Erinnerungsstück an die Behandlung bei uns".

"Der Ansatz ist ausgesprochen modern: Er fokussiert nicht primär die Erkrankung selbst, sondern deren Folgen im Alltag der Betroffenen. Die Stärkung von Selbstwirksamkeit, Teilhabe und funktionaler Alltagsbewältigung sind zentrale Prinzipien zeitgemäßer psychosomatischer Versorgung", erklärt Prof. Dr. Michael Schulz, stellvertretender Pflegedirektor des LWL-Klinikums in Gütersloh.

"Der Leistungsgedanke steht beim Stricken bewusst im Hintergrund. Jede und Jeder arbeitet im eigenen Tempo, am eigenen Projekt", erklärt Dorotea Gnioth. "Es geht um Achtsamkeit, Kommunikation und darum, den eigenen Willen wieder zu spüren." Wenn Patientinnen und Patienten beispielsweise lieber Häkeln oder etwas besticken wollen, ist das genauso möglich.

Inspiriert wurde das Konzept durch wissenschaftliche Studien sowie das Buch "Mit Stricken gesund und glücklich werden" von Betsan Corkhill. Die positiven Wirkungen, etwa Stressreduktion, Förderung der Konzentration, emotionale Stabilisierung und Stärkung der Selbstwirksamkeit, bestätigen sich auch im klinischen Alltag. "Viele Teilnehmende berichten, dass sie sich beim Stricken ruhiger, ausgeglichener und sicherer fühlen", sagt Gnioth. Und Michael Schulz ergänzt: "Stricken ermöglicht soziale Einbindung, fördert Achtsamkeit und Konzentration und schafft Erfolgserlebnisse. In einem professionell angeleiteten Rahmen wird daraus ein therapeutisch wirksames Gruppenangebot, das Pflege als eigenständige, evidenzbasierte Disziplin sichtbar macht." Die Gruppe sei ein sehr gutes Beispiel für qualifizierte Gruppenangebote durch professionell Pflegende. Pflegefachpersonen verfügten über die notwendige fachliche Kompetenz, gruppendynamische Prozesse zu steuern, Ressourcen zu fördern und gesundheitsbezogene Lernprozesse gezielt zu begleiten, heißt es von Michael Schulz weiter.

Ein besonders bewegender Moment war der Abschied einer Patientin vor ihrer Entlassung: "Wenn ich stricke, werde ich immer an Sie denken", sagte sie zu Dorotea Gnioth. "Rückmeldungen wie diese zeigen, wie nachhaltig das Angebot wirkt", betont Bettina Birwe.

Ob Häkeln oder Stricken: In der Gruppe von Dorothea Gnioth können Patientinnen und Patienten lernen, die Handarbeit mit positiven Gedanken "zu verknüpfen".<br>Foto: LWL/Dresmann

Ob Häkeln oder Stricken: In der Gruppe von Dorothea Gnioth können Patientinnen und Patienten lernen, die Handarbeit mit positiven Gedanken "zu verknüpfen".
Foto: LWL/Dresmann

Ob Häkeln oder Stricken: In der Gruppe von Dorothea Gnioth können Patientinnen und Patienten lernen, die Handarbeit mit positiven Gedanken "zu verknüpfen".<br>Foto: LWL/Dresmann

Ob Häkeln oder Stricken: In der Gruppe von Dorothea Gnioth können Patientinnen und Patienten lernen, die Handarbeit mit positiven Gedanken "zu verknüpfen".
Foto: LWL/Dresmann

Pressekontakt

Anna Brockmeyer, LWL-Klinikum Gütersloh, Telefon 0151-21845693, annacelina.brockmeyer@lwl.org und Christian Dresmann, LWL-Klinikum Gütersloh, Telefon 0173-6256489, christian.dresmann@lwl.org und Thorsten Fechtner, LWL-Pressestelle, Telefon: 0251 591-235

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Der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) arbeitet als Kommunalverband mit mehr als 21.000 Beschäftigten für die 8,3 Millionen Menschen in der Region. Der LWL betreibt 35 Förderschulen, 20 Krankenhäuser, 18 Museen, zwei Besucherzentren und ist einer der größten Hilfezahler für Menschen mit Behinderung. Er erfüllt damit Aufgaben im sozialen Bereich, in der Behinderten- und Jugendhilfe, in der Psychiatrie und in der Kultur, die sinnvollerweise westfalenweit wahrgenommen werden. Ebenso engagiert er sich für eine inklusive Gesellschaft in allen Lebensbereichen. Die neun kreisfreien Städte und 18 Kreise in Westfalen-Lippe sind die Mitglieder des LWL. Sie tragen und finanzieren den Landschaftsverband, dessen Aufgaben ein Parlament mit 125 Mitgliedern aus den westfälischen Kommunen gestaltet.

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