04.02.26 | Soziales LWL-Messe der Inklusionsunternehmen2026 in Dortmund
Beim Rietberger Unternehmen Großewinkelmann GmbH & Co. KG hat Inklusion Tradition
Alte Station, neuer Start: Stefan Wagner brachte seinen gesamten Arbeitsplatz zu Großewinkelmann. Karin Kirchner (r.) betreut die Inklusionskräfte. Jede Woche dreht sie ihre Runde im Betrieb.
Foto: LWL/Paul Metzdorf
Auf rund 60.000 Quadratmetern fertigt die Firma Großewinkelmann alles, was man sich im Bereich Stall- und Weidetechnik sowie Zaun- und Torsystemen vorstellen kann. Was vor über 80 Jahren als kleiner Schlosserbetrieb im benachbarten Gütersloh begann, wuchs über die Jahrzehnte um verschiedene Produktsparten und Abteilungen. Unter anderem: eine Inklusionsabteilung. Denn elf der rund 200 Mitarbeitenden im Betrieb sind Menschen mit Behinderung. Großewinkelmann ist einer der vielen Betriebe in der Region, deren inklusive Arbeit das Inklusionsamt Arbeit des Landesverbandes Westfalen-Lippe (LWL) fördert.
Inklusives Arbeitsleben hat Tradition im Familienunternehmen und ist genau wie alle anderen Bereiche von Großewinkelmann nach und nach mitgewachsen. Man kam "wie die Jungfrau zum Kinde" mit dem Thema Inklusion in Kontakt, erinnert sich Geschäftsführer und Inhaber Ralf Hesse, der Großewinkelmann gemeinsam mit seinem Bruder in dritter Generation leitet. Schon als seine Eltern den Betrieb leiteten, wurden verschiedene Prozesse von Mitarbeitenden der wertkreis Gütersloh gGmbH, einem sozialen Dienstleistungsunternehmen aus dem Nachbarort, umgesetzt.
Eine sehr gut funktionierende und wichtige Struktur, die vor zwölf Jahren unerwartet Konkurrenz bekam. Ein neu gegründeter Inklusionsbetrieb bot den Mitarbeitenden sozialversicherungspflichtige Anstellungen am ersten Arbeitsmarkt an. "Dann haben wir uns gefragt: Was müssen wir jetzt tun, damit die Mitarbeitenden hierbleiben?", beschreibt Ralf Hesse die damalige Reaktion. Schließlich wollte man gute Arbeitskräfte nicht einfach so verlieren. Die Lösung lag auf der Hand: mitziehen und eine eigene Inklusionsabteilung gründen. Mit früher Unterstützung des LWL stellten sich die vermeintlichen Hürden als "relativ einfach" heraus, wie Ralf Hesse erzählt: "Und damit sind wir dann in die Inklusion gestartet. Das haben wir konsequent aufgebaut, weil wir dann sehr, sehr gute Erfahrungen gemacht haben." Drei der damalig heißumkämpften Mitarbeitenden sind auch heute noch im Unternehmen.
Was funktioniert, wird Fundament
Ein Muster, das sich wiederholen sollte. Denn das Unternehmen setzt bewusst auf den Produktionsstandort Deutschland sowie Kooperationen mit Inklusionsbetrieben und Werkstätten für Menschen mit Behinderung (WfbM) in der Region. Als ein Zulieferbetrieb aus Gütersloh vom wirtschaftlichen Aus bedroht war, wurde der Betrieb kurzerhand von Großewinkelmann übernommen. Die Produktion mitsamt Maschinen und Mitarbeitenden, darunter drei Menschen mit Behinderung, wurde nach Rietberg verlagert. So konnten erneut nicht nur inklusive Arbeitsplätze, sondern auch funktionierende Arbeitsstrukturen gesichert werden.
Die inklusiven Arbeitsplätze verteilen sich über verschiedene Abteilungen und Fertigkeiten. Es gibt keine designierte "Inklusionshalle", in der nur niedrigschwellige Arbeiten geleistet werden. Im Gegenteil: Inklusives Arbeitsleben funktioniert hier offensichtlich so gut, dass es im Arbeitsalltag kaum auffällt.
Wer Karin Kirchner, die als Kommunikations- und Inklusionsassistentin für die psychosoziale Unterstützung der inklusiven Mitarbeitenden zuständig ist, auf ihrer wöchentlichen Runde begleitet, muss jede Halle am Standort besuchen. Seit zwei Jahren unterstützt sie bei zwischenmenschlichen und persönlichen Problemen oder Antragsstellungen. Ihrer Erfahrung nach waren viele der Mitarbeitenden, die in der Regel vorher in Werkstätten für Menschen mit Behinderung gearbeitet hatten, vor ihrem Wechsel an den ersten Arbeitsmarkt unterfordert. Generell fehle es an einigen Stellen noch am gesellschaftlichen Verständnis für die Leistungsfähigkeit und Lebensrealität von Menschen mit Behinderung: "Die meisten von ihnen haben Führerschein, einige wohnen selbstständig, sind verheiratet, haben Kinder. Es ist nicht so, dass sie kein normales Leben führen können", erzählt sie.
Aber zu einem normalen und vor allem selbstbestimmten Leben gehört ein fairer Anschluss zum Arbeitsmarkt. Und hier liegt laut Karin Kirchner eines der Hauptprobleme: Der enorme Zeit- und Leistungsdruck in der freien Wirtschaft sei in der Regel zu hoch für Menschen mit Behinderung. Diese individuellen Anforderungen müssen Inklusionsbetriebe in ihren Rahmenbedingungen berücksichtigen: "Die Mitarbeitenden müssen ganz genau wissen, was gemacht werden muss, in welcher Reihenfolge, in welchem Zeitrahmen. Und dieser Zeitrahmen muss auch größer gesteckt sein", beschreibt sie. "Sie können ja trotzdem ganz normal arbeiten. Deswegen finde ich es immer schade, wenn viele Firmen sich einfach nur freikaufen und diese Inklusionsplätze nicht schaffen", kritisiert Karin Kirchner.
Das heißt natürlich nicht, dass man bei Großewinkelmann für die gute Sache die Arbeit schleifen lässt: Man stellt unter den gegebenen Möglichkeiten angemessene, auch wirtschaftliche Erwartungen an die Mitarbeitenden. Die Angestellten mit Behinderung werden von sogenannten Tandempartner:innen begleitet, die sie bei Bedarf unterstützen. Ansonsten können sie selbstständig an ihren Stationen ihr Arbeitspensum verrichten.
Viele Wege führen nach Rietberg
Was für Chancen durch solche Strukturen entstehen, zeigt sich am Beispiel von Stefan Wagner. "Ich habe es schon auf dem ersten Arbeitsmarkt versucht, bin dort aber nur auf Ablehnung gestoßen. Wegen meiner Behinderung", erzählt er. Nach Jahren in einer Zeitarbeitsfirma entschied sich der mit Epilepsie lebende Metallbauer dazu, für neue Perspektiven in einer WfbM anzufangen: "Um von da eventuell auf dem ersten Arbeitsmarkt wieder eingegliedert zu werden - also einen Schritt zurück, damit ich zwei vorwärtskomme", erzählt er. Ein Umweg, der sich auszahlte, denn über seine Arbeit in der Werkstatt fand er eine Anstellung bei dem Inklusionsunternehmen, das von Großewinkelmann übernommen wurde.
Seitdem arbeitet Stefan Wagner an ihm bekannten Maschinen. Das half beim Einstieg, die Strukturen vor Ort sorgten für den Rest. Bei komplexeren Aufgaben kann er auf seine Tandempartnerin zugehen, in der Regel arbeitet er aber komplett eigenständig, worauf er selbst großen Wert legt. Er ist glücklich, in Rietberg Fuß gefasst zu haben: "Hier habe ich auf jeden Fall die Chance erhalten. Und deswegen bin ich auch sehr dankbar."
Möglichkeiten dieser Art gebe es für Menschen mit Behinderung am ersten Arbeitsmarkt noch viel zu selten. Um hier Veränderung zu bewirken, müssten sich Unternehmen stärker auf Inklusion als Gelegenheit einlassen, findet Ralf Hesse. "Sie müssen die Chancen sehen und nicht die Probleme in den Vordergrund stellen", erklärt der Geschäftsführer. Sicherlich gab es auch bei Großewinkelmann zum Start in die Inklusion Vorbehalte, räumt er ein. Diese hätten sich aber schnell verflüchtigt und nicht nur wirtschaftliche Perspektiven, sondern auch Augen im Unternehmen geöffnet: "Da wo vorher Berührungsängste oder Vorbehalte waren, haben viele gemerkt, dass es keinen Grund dafür gibt. Das funktioniert wunderbar."
Hintergrund Integrationsbetriebe
In Westfalen-Lippe gibt es zurzeit rund 170 Inklusionsunternehmen oder -abteilungen in Firmen aus Industrie, Handel und Gewerbe, in denen etwa 2.200 Menschen mit Behinderung auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt arbeiten. Die Betriebe, in denen Menschen mit und ohne Behinderung beschäftigt sind, sind rechtlich und wirtschaftlich selbstständig. Sie müssen sich wie jedes andere Unternehmen am freien Markt behaupten.
Der LWL unterstützt diese Firmen mit Mitteln aus der Ausgleichsausgabe, die Unternehmen leisten müssen, die nicht mindestens fünf Prozent ihrer Arbeitsplätze mit Menschen mit Behinderung besetzen. Die Inklusionsunternehmen bekommen beispielsweise Zuschüsse zu Investitionen, betrieblichem Mehraufwand, Betreuung und Lohnkosten. An der Finanzierung beteiligen sich auch die Bundesagentur für Arbeit, das Land Nordrhein-Westfalen über das Programm "Integration unternehmen!" sowie die Stiftung Wohlfahrtspflege NRW und die Aktion Mensch.
Die LWL-Messe der Inklusionsunternehmen wird präsentiert unter https://www.lwl-messe.de. Geschichten, Infos und Wissenswertes rund um das Thema »Arbeiten und Inklusion« bietet der Blog: https://www.inklusives-arbeitsleben.lwl.org, der auch bei Facebook unter https://www.facebook.com/inklusives.arbeitsleben vertreten ist. Ein Kurzfilm zum Thema Inklusionsunternehmen ist hier zu sehen: https://www.youtube.com/watch?v=8klZxW-77dg&feature=youtu.be
Seit der Gründung vor über acht Jahrzehnten wuchs das Familienunternehmen auf rund 200 Mitarbeitende und 60.000 Quadratmeter Unternehmensfläche an.
Foto: LWL/Paul Metzdorf
Ralf Hesse leitet das Unternehmen gemeinsam mit seinem Bruder in dritter Generation.
Foto: LWL/Paul Metzdorf
Nach Umwegen über eine WfbM konnte Stefan Wagner in einem Inklusionsbetrieb am ersten Arbeitsmarkt Fuß fassen.
Foto: LWL/Paul Metzdorf
Chancen zutrauen: Nach einer vereinfachten Ausbildung schaffte Moritz Feuerborn bei Großewinkelmann den Sprung zum Gesellen.
Foto: LWL/Paul Metzdorf
Chancen zutrauen: Nach einer vereinfachten Ausbildung schaffte Moritz Feuerborn bei Großewinkelmann den Sprung zum Gesellen.
Foto: LWL/Paul Metzdorf
Foto: LWL/Paul Metzdorf
Pressekontakt
Markus Fischer, LWL-Pressestelle, Telefon: 0251 591-235
Der LWL im Überblick
Der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) arbeitet als Kommunalverband mit mehr als 21.000 Beschäftigten für die 8,3 Millionen Menschen in der Region. Der LWL betreibt 35 Förderschulen, 20 Krankenhäuser, 18 Museen, zwei Besucherzentren und ist einer der größten Hilfezahler für Menschen mit Behinderung. Er erfüllt damit Aufgaben im sozialen Bereich, in der Behinderten- und Jugendhilfe, in der Psychiatrie und in der Kultur, die sinnvollerweise westfalenweit wahrgenommen werden. Ebenso engagiert er sich für eine inklusive Gesellschaft in allen Lebensbereichen. Die neun kreisfreien Städte und 18 Kreise in Westfalen-Lippe sind die Mitglieder des LWL. Sie tragen und finanzieren den Landschaftsverband, dessen Aufgaben ein Parlament mit 125 Mitgliedern aus den westfälischen Kommunen gestaltet.
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