29.01.26 | Soziales LWL-Messe der Inklusionsunternehmen2026 in Dortmund
Der Kiebitzhof Gütersloh - Inklusion mit Wirkung und Haltung
Marvin Laukemper schätzt, wie sehr er sich am Kiebitzhof beruflich weiterentwickeln konnte.
Foto: LWL/Frank Peterschröder
Bei der LWL-Messe der Inklusionsunternehmen am 11. März in der Messe Dortmund präsentieren sich Firmen, die der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) bei ihrer Arbeit unterstützt. Eines der Inklusionsunternehmen hat seinen Sitz in Gütersloh.
Mit dem Menschen im Mittelpunkt
Am Stadtrand von Gütersloh wächst seit Jahrzehnten ein Ort, an dem Inklusion nicht erklärt, sondern gelebt wird: der Kiebitzhof. Als Inklusionsbetrieb der Wertkreis Gütersloh gGmbH bietet er Menschen mit Behinderung echte Perspektiven - mitten im Arbeitsleben, nicht daneben.
Die Kiebitzhof gGmbH wurde im Jahr 2000 gegründet, um die wirtschaftliche Basis des gemeinnützigen Mutterunternehmens Wertkreis Gütersloh zu erweitern. Heute arbeiten hier rund 160 Menschen. 65 von ihnen haben eine Behinderung. Sie sind im Garten- und Landschaftsbau, im Schälbetrieb, in der Reinigung, im Hausmeisterservice und im Bioladen, der auch die selbstangebauten Lebensmittel anbietet, aktiv. Dieser rundet das Angebot am Kiebitzhof ab und ist mit seinem Café ein beliebter Zwischenstopp auf Radtouren.
Kurze Wege - Klare Chancen
Die direkte Nachbarschaft zu den Werkstätten für behinderte Menschen (WfbM) des Wertkreises ist kein Zufall. Sie ermöglicht reibungslose Übergänge. Wer im geschützten Rahmen starten möchte, kann erste Schritte auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt im Inklusionsbetrieb direkt vor Ort machen. Ohne Brüche, ohne Umwege.
"Um gut inklusiv zu arbeiten, ist es wichtig, den Menschen im Blick zu haben, ihn mit seinen Beeinträchtigungen da abzuholen, wo er steht, dass man Schwächen akzeptiert und die Stärken fördert", so Bereichsleiterin Anne Drössler. Durch die vielseitigen Arbeitsbereiche vor Ort könne man sowohl die Vorlieben als auch Stärken von potenziellen Arbeitskräften passend bedienen. Das Ziel sei, jeden Menschen so einsetzen, dass er sich entwickeln kann und sich dabei auch noch wohlfühlt.
Inklusion funktioniert nicht allein durch Strukturen. Sie lebt vom Miteinander. Und das hat am Kiebitzhof Priorität. "Jeder springt hier für den anderen ein", sagt Drössler. Neue Vorarbeiter:innen werden daher nicht nur nach fachlicher Kompetenz ausgewählt - sie müssen auch menschlich überzeugen, mit Empathie und Fingerspitzengefühl.
Einer von ihnen ist Benjamin Isted. Er ist Vorarbeiter im Garten- und Landschaftsbau, seit drei Jahren im Unternehmen. Für ihn war das inklusive Konzept ausschlaggebend: "Die erste Begegnung war großartig. Die Atmosphäre, das Team - Jackpot." Sein Team besteht überwiegend aus gehörlosen Mitarbeitenden. Isted hat deshalb direkt nach seinem Start begonnen, Gebärdensprache zu lernen. Kommunikation ist hier keine Barriere, sondern Brücke.
Jonas Fressmann, 23 Jahre alt, ist Teil dieses Teams. Er liebt das Heckenschneiden, arbeitet gern mit dem Freischneider. Die gute Stimmung im Team hilft natürlich bei der Arbeit. Für ihn ist die inklusive Arbeit längst Alltag: "Das ist hier ganz normal. Wir arbeiten zusammen." Er zeigt es mit seinen Fingern - ein C und ein L auf Augenhöhe: "Cool" in Gebärdensprache.
"Ich wachse an dem, was ich tue"
Die gute Zusammenarbeit am Kiebitzhof war auch für Marvin Laukemper ein wichtiger Entscheidungsgrund bei seiner Arbeitssuche. Das Umfeld sei verständnisvoll, aber auch fördernd: "Wenn man auch mal einen Durchhänger hat, dann wird das akzeptiert und man muss sich keine Sorgen machen", erklärt er. Man könne jederzeit Fragen stellen und Verbesserungsvorschläge bekommen, um sich weiterzuentwickeln. So entstehen am Kiebitzhof Chancen für einzelne Mitarbeitende, Verantwortung zu übernehmen und sich mehr zuzutrauen. Laukemper hat den kleinen Kettensägenschein gemacht - eine Qualifikation, die er sich früher nicht zugetraut hätte. "Heute bin ich selbstbewusster, selbstständiger. Ich wachse an dem, was ich tue."
Für Drössler ist das kein Einzelfall, sondern Konzept: Wer Menschen fördere, binde sie auch. Und wer stabil arbeite, sei wirtschaftlich widerstandsfähig - gerade im Fachkräftemangel. Gleichzeitig veränderten sich die Anforderungen. Immer mehr junge Menschen würden psychische Vorerkrankungen mitbringen. Die Betreuungsbedarfe würden steigen. Dafür brauche es neue Antworten - und klare Rückendeckung von Politik und Gesellschaft. "Inklusion muss weitergedacht werden - auch von oben. Dafür braucht es mehr Bewusstsein und Verbindlichkeit", fordert sie.
Wer sehen will, wie Inklusion funktionieren kann, soll nicht lange suchen, sondern vorbeikommen. "Ich lade alle ein, die überlegen, inklusiv zu arbeiten", sagt Drössler. "Reden Sie mit uns. Schauen Sie sich an, wie wir es hier machen. Es funktioniert - und zwar richtig gut", bietet sie allen Interessierten an.
Hintergrund Integrationsbetriebe
In Westfalen-Lippe gibt es zurzeit rund 170 Inklusionsunternehmen oder -abteilungen in Firmen aus Industrie, Handel und Gewerbe, in denen etwa 2.200 Menschen mit Behinderung auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt arbeiten. Die Betriebe, in denen Menschen mit und ohne Behinderung beschäftigt sind, sind rechtlich und wirtschaftlich selbstständig. Sie muÌ¿ssen sich wie jedes andere Unternehmen am freien Markt behaupten.
Der LWL unterstuÌ¿tzt diese Firmen mit Mitteln aus der Ausgleichsausgabe, die Unternehmen leisten muÌ¿ssen, die nicht mindestens fuÌ¿nf Prozent ihrer Arbeitsplätze mit Menschen mit Behinderung besetzen. Die Inklusionsunternehmen bekommen beispielsweise ZuschuÌ¿sse zu Investitionen, betrieblichem Mehraufwand, Betreuung und Lohnkosten. An der Finanzierung beteiligen sich auch die Bundesagentur fuÌ¿r Arbeit, das Land Nordrhein-Westfalen uÌ¿ber das Programm "Integration unternehmen!" sowie die Stiftung Wohlfahrtspflege NRW und die Aktion Mensch.
Die LWL-Messe der Inklusionsunternehmen wird präsentiert unter https://www.lwl-messe.de. Geschichten, Infos und Wissenswertes rund um das Thema »Arbeiten und Inklusion« bietet der Blog: https://www.inklusives-arbeitsleben.lwl.org, der auch bei Facebook unter http://www.facebook.com/inklusives.arbeitsleben vertreten ist. Ein Kurzfilm zum Thema Inklusionsunternehmen ist hier zu sehen: https://www.youtube.com/watch?v=8klZxW-77dg&feature=youtu.be
Im Einsatz auf Güterslohs Grünflächen: Jonas Fressman (l.) und Marvin Laukemper (r.) sind zwei der rund 33 GaLaBau-Inklusionskräfte am Kiebitzhof.
Foto: LWL/Frank Peterschröder
Das Heckenschneiden ist für Jonas Fressmann ein Lieblingshandgriff in seinem Arbeitsalltag.
Foto: LWL/Frank Peterschröder
"Jackpot" - so bezeichnet Vorarbeiter Benjamin Isted seinen Arbeitsplatz als Vorarbeiter im GaLaBau der Kiebitzhof gGmbH.
Foto: LWL/Frank Peterschröder
Der Kiebitzhof Bioladen mit seinem Café ist ein beliebter Anlaufpunkt in der Region. Auch das eigene Gemüse wird hier angeboten.
Foto: LWL/Frank Peterschröder
Für Kiebitzhof-Leiterin Anne Drössler ist der beste Weg, um gut inklusiv zu arbeiten, den Menschen immer im Blick zu behalten.
Foto: LWL/Frank Peterschröder
Am Gütersloher Kiebitzhof sind mit einem Inklusionsbetrieb und Werkstätten zahlreiche inklusive Arbeitsmöglichkeiten entstanden.
Foto: LWL/Frank Peterschröder
Pressekontakt
Markus Fischer, LWL-Pressestelle, Telefon: 0251 591-235
Der LWL im Überblick
Der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) arbeitet als Kommunalverband mit mehr als 21.000 Beschäftigten für die 8,3 Millionen Menschen in der Region. Der LWL betreibt 35 Förderschulen, 20 Krankenhäuser, 18 Museen, zwei Besucherzentren und ist einer der größten Hilfezahler für Menschen mit Behinderung. Er erfüllt damit Aufgaben im sozialen Bereich, in der Behinderten- und Jugendhilfe, in der Psychiatrie und in der Kultur, die sinnvollerweise westfalenweit wahrgenommen werden. Ebenso engagiert er sich für eine inklusive Gesellschaft in allen Lebensbereichen. Die neun kreisfreien Städte und 18 Kreise in Westfalen-Lippe sind die Mitglieder des LWL. Sie tragen und finanzieren den Landschaftsverband, dessen Aufgaben ein Parlament mit 125 Mitgliedern aus den westfälischen Kommunen gestaltet.
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