21.01.26 | Soziales LWL-Messe der Inklusionsunternehmen 2026 in Dortmund
Ein bunter Haufen: Die Steinebande gGmbH beschäftigt 25 Mitarbeitende. Zehn davon sind Menschen mit Behinderung.
Foto: LWL / Paul Metzdorf
Bei der LWL-Messe der Inklusionsunternehmen am 11. März in der Messe Dortmund präsentieren sich Firmen, die der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) bei ihrer Arbeit unterstützt. Eines der Inklusionsunternehmen hat seinen Sitz in Castrop-Rauxel (Kreis Recklinghausen).
Steinchen für Steinchen inklusiv aufgebaut - In Castrop-Rauxel verbindet die Steinebande gGmbH Inklusion mit einem innovativen Geschäftskonzept
Man kennt es: Das eigene - oder auch innere - Kind wünscht sich ein Lego-Set, mit dem nach dem Aufbauen vielleicht noch ein oder zweimal gespielt wird und das anschließend sehr schnell zum Staubfänger verkommt. Das ist zum einen schade für die schönen und auch teuren Bauwerke und gleichzeitig der Ursprung einer ungewöhnlichen Geschäftsidee.
Aus der Erfahrung, die sie mit ihrem eigenen Sohn machten, gründete das Ehepaar Lea-Maria und Patrick Zimmermann 2013 die Bauduu GmbH. Das Angebot: Lego- und Steckstein-Enthusiasten können sich bei dem Castrop-Rauxeler Unternehmen eine Ausleihliste erstellen, die gewünschten Sets auf unbestimmte Zeit zusammenbauen, damit spielen und wieder einschicken. Im Anschluss kommt das nächste Set aus der Liste. Was in bester Start-up-Manier mit ein paar Sets im kleinen Büro begann, ist mittlerweile ein 192-Sets starker Verleih und Vertrieb mit einem eigenen Shop am Stadtrand auf gut 250 Quadratmetern Fläche. Rund 200 bis 300 Pakete aus Vertrieb und Verleih verlassen mittlerweile täglich das Ruhrgebiet. Und auch sonst hat sich einiges entwickelt. Denn seit 2022 ist das einstige Start-up mit der Steinebande gGmbH auch als Inklusionsbetrieb unterwegs.
Inklusiv angefangen
Schon früh hatte Bauduu Menschen mit Behinderung in das Unternehmen integriert. Mehr als genug zu tun, gab es allemal: Die verliehenen Sets müssen schließlich immer wieder geprüft, sortiert, gereinigt und versandt werden. Um das wachsende Auftragsvolumen zu bewältigen, kooperierte man 2017 mit einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung aus Herne - ohne großes Vorwissen in Sachen Inklusion. "Dann bekamen wir vier Jungs, hatten keine Ahnung", erinnert sich Lea-Maria Zimmermann, "und haben wie 'Jugend forscht' das Ganze dann sinnvoll aufgestellt." Das Ausprobieren funktionierte offensichtlich, denn wenige Jahre später kam eine Anfrage des LWL, ob man aus den Außenarbeitsplätzen der Werkstätten nicht auch permanente, sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze machen wolle - als Inklusionsbetrieb.
Mittlerweile sind zehn der 25 Mitarbeitenden der Steinebande Menschen mit Behinderung. Dass sie damals unbekümmert ins kalte Wasser gesprungen sind, sieht das Unternehmerpaar heute als einen wesentlichen Grund dafür, dass sie den Wechsel zum Inklusionsbetrieb so erfolgreich bewältigt haben. Denn immerhin stand bei dem Start-up, anders als bei vielen Inklusionsbetrieben, keine größere Trägerschaft dahinter, die die nötigen Strukturen und Sicherheiten mitbringen könnte. "Wir standen uns wenig im Weg am Anfang. Es war einfach unvoreingenommen und ein bisschen mehr auszuprobieren", so Lea-Maria Zimmermann.
"Offenheit ist alles"
"Offenheit ist alles - von beiden Seiten", erklärt Lea-Maria Zimmermann. Arbeitgebende und Arbeitnehmende müssten von Anfang an ehrlich miteinander sein, was eine Anstellung erfordere und was geleistet werden könne oder müsse, um langfristig gemeinsam erfolgreich und zufrieden zu sein. Viele der Mitarbeitenden der Steinebande sind schon seit mehreren Jahren im Unternehmen. Dies ginge nur, wenn man gezielt, ehrlich und gemeinsam auf die passenden Strukturen hinarbeite - was auch mit Fehlschlägen verbunden sei. "Dann scheitern wir halt und dann überlegen wir uns was", so Lea-Maria Zimmermann.
"Das ist ein klassischer Ansatz von fördern und fordern", pflichtet Patrick Zimmermann bei. "Das funktioniert bei Kindern, das funktioniert bei Erwachsenen. Egal wo: Das funktioniert." Das Ziel ist es, dass die Mitarbeitenden ihren Arbeitsalltag nicht nur gut, sondern auch selbstständig bewältigen können. Gerade dass diese Selbstständigkeit von ihnen erwartet wird, schätzen die Mitarbeitenden der Steinebande, die es aus ihren früheren Stationen oft deutlich anders kennen. "Sie sagen auch 'Ich kann ja eigentlich viel mehr. Ich will ja mehr'", berichtet Lea-Maria Zimmermann. "Klar, sie scheitern manchmal. Wir scheitern auch. Das tun wir alle. Aber viele Sachen, von denen man vorher gesagt hat: 'Das geht auf gar keinen Fall!' - das machen sie alle jetzt mittlerweile einfach selbst." Ein Konzept, das überzeugt. Denn die Steinebande hat mittlerweile deutlich mehr Bewerbungen als offene Stellen.
Um das Ziel des selbstständigen Arbeitens gemeinsam zu erreichen, werden die Arbeitsstrukturen so aufgebaut, dass sie zu den Möglichkeiten der Belegschaft passen. Für einen Mitarbeitenden, der sich nie zu hundert Prozent sicher war, ob er ein zurückgegebenes Set in die Prüfung geben muss, schrieb der gelernte Programmierer Patrick Zimmermann beispielsweise die passende Software für den Arbeitsschritt selbst: Der Kollege kann nun die Steine eines Sets auswiegen und das Programm gibt eine Empfehlung, ob eine Detailüberprüfung nötig ist, und der Mitarbeitende kann direkt die weiteren Schritte einleiten - in Eigenregie.
Profi-Beratung vor Ort
Auch die Kundenberatung vor Ort wird bei der Steinebande von Menschen mit Behinderung übernommen. Bei der überwältigend bunten Auswahl hilft es, wenn man vom Fach ist. Wie zum Beispiel Johnny Krämer: Der 37-Jährige brennt selbst für Lego und Stecksteine aller Art und machte Anfang 2024 mit seiner Anstellung bei der Steinebande sein Hobby zum Beruf. Nach mehreren Jahren in einer Werkstatt und einem Inklusions-Schreinereibetrieb ist er hier voll in seinem Element. "Ich sammle schon seit Jahren Lego und das ist auch mein Hobby. Das kann ich jetzt zum Beruf machen - das können nicht viele", erklärt er. Die meisten ausgestellten Sets und Eigenkreationen, die man im Laden sieht, hat er zusammengebaut. Wenn Kund:innen eine Frage haben oder Empfehlung brauchen, hilft er gerne. Durch seine Berufserfahrung bekommt Krämer immer wieder Anfragen von Schreinereien, die ihm eine Anstellung anbieten, auch mit höherer Bezahlung. Weg will er aber auf keinen Fall: "Mehr Geld tut mir natürlich nicht weh, aber hier macht es mehr Spaß. Wo kann man sonst was Schönes aus Lego bauen?"
Hintergrund Integrationsunternehmen
In Westfalen-Lippe gibt es zurzeit rund 170 Inklusionsunternehmen oder -abteilungen in Firmen aus Industrie, Handel und Gewerbe, in denen etwa 2.200 Menschen mit Behinderung auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt arbeiten. Die Betriebe, die zum großen Teil Mitarbeiter mit Handicaps beschäftigen, sind rechtlich und wirtschaftlich selbstständig. Sie müssen sich wie jedes andere Unternehmen am freien Markt behaupten.
Der LWL unterstützt diese Firmen mit Mitteln aus der Ausgleichsausgabe, die Unternehmen leisten müssen, die nicht mindestens fünf Prozent ihrer Arbeitsplätze mit schwerbehinderten Mitarbeiterinnen besetzen. Die Inklusionsunternehmen bekommen Zuschüsse zu Investitionen, betrieblichem Mehraufwand, Betreuung und Lohnkosten. An der Finanzierung beteiligen sich auch die Bundesagentur für Arbeit, das Land Nordrhein-Westfalen über das Programm "Integration unternehmen!" sowie die Stiftung Wohlfahrtspflege NRW und die Aktion Mensch. Hinzu kommen Mittel aus dem Förderprogramm "Inklusionsinitiative II - AlleImBetrieb" des Bundes. Die Arbeitsplätze sind im Schnitt deutlich kostengünstiger als die Plätze in den Werkstätten für Menschen mit Behinderung.
Die LWL-Messe der Inklusionsunternehmen wird präsentiert unter https://www.lwl-messe.de. Geschichten, Infos und Wissenswertes rund um das Thema »Arbeiten und Inklusion« bietet der Blog: https://www.inklusives-arbeitsleben.lwl.org, der auch bei Facebook unter https://www.facebook.com/inklusives.arbeitsleben vertreten ist. Ein Kurzfilm zum Thema Inklusionsunternehmen ist hier zu sehen: https://www.youtube.com/watch?v=8klZxW-77dg&feature=youtu.be
Steinerne Reserve: Jeden Nachmittag besuchen Kund:innen den Laden, um nach bestimmten Einzelteilen zu suchen.
Foto: LWL / Paul Metzdorf
Die Geschäftsidee von Bauduu beruht auf der Erfahrung, die Patrick Zimmermann und seine Frau Lea-Maria mit ihrem Sohn machten.
Foto: LWL / Paul Metzdorf
Zusätzlich zum Angebot in Castrop-Rauxel betreibt die Steinebande auch einen Online-Versand - zwischen 200 und 300 Pakete verlassen täglich das Lager.
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In seinem Element: Steckstein-Experte Johnny Krämer (r.), hier im Gespräch mit Lea-Maria Zimmermann, übernimmt bei der Steinebande auch die Kundenberatung.
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Falls ein Teil verloren geht, ist das kein Problem: Die Steinebande hat viele Einzelteile vorrätig.
Foto: LWL / Paul Metzdorf
Pressekontakt
Markus Fischer, LWL-Pressestelle, Telefon: 0251 591-235
Der LWL im Überblick
Der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) arbeitet als Kommunalverband mit mehr als 21.000 Beschäftigten für die 8,3 Millionen Menschen in der Region. Der LWL betreibt 35 Förderschulen, 20 Krankenhäuser, 18 Museen, zwei Besucherzentren und ist einer der größten Hilfezahler für Menschen mit Behinderung. Er erfüllt damit Aufgaben im sozialen Bereich, in der Behinderten- und Jugendhilfe, in der Psychiatrie und in der Kultur, die sinnvollerweise westfalenweit wahrgenommen werden. Ebenso engagiert er sich für eine inklusive Gesellschaft in allen Lebensbereichen. Die neun kreisfreien Städte und 18 Kreise in Westfalen-Lippe sind die Mitglieder des LWL. Sie tragen und finanzieren den Landschaftsverband, dessen Aufgaben ein Parlament mit 125 Mitgliedern aus den westfälischen Kommunen gestaltet.
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