14.01.26 | Kultur Das Buch der Nichtsnutze - Ein Schlüsselzeugnis spätmittelalterlicher Ordnungskultur
Sonderausstellung "775 - Westfalen" im LWL-Museum in der Kaiserpfalz
Das Nequambuch ist ein neues Exponat in der Westfalenausstellung.
Foto: LWL/ J. Hersh
Es ist eines von drei zentralen Dokumenten des "Soester Rechts", dem ältesten im deutschen Raum schriftlich niedergelegten Stadtrecht. Dieses Recht haben viele westfälische Städte, aber auch viele Städten vom Ostseeraum bis ins Baltikum übernommen.
Das Nequambuch gehört zu jenen frühen Handschriften, in denen Wissen, Normen und Handlungsanweisungen schriftlich fixiert wurden - ein bedeutender Schritt in einer Epoche, die von tiefgreifenden Umbrüchen geprägt war. Johanna Hersh, wissenschaftliche Mitarbeiterin im Museum des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL): "Im 'Buch der Nichtsnutze', wie das Nequambuch in der Übersetzung aus dem Lateinischen heißt, finden sich die Strafen für die unterschiedlichsten Vergehen, bebildert mit kleinen Miniaturen. Darunter auch die Illustration einer Räderstrafe: Der Betroffene wird grausam hingerichtet, indem zunächst die Glieder gebrochen werden und er anschließend auf das Rad geflochten wird." Aber auch das "Wippen" in den Soester Teich, heute eine lustige Tradition, die Stadtberühmtheiten wie Bürgermeister und andere über sich ergehen lassen müssen, finde sich unter den farbigen Abbildungen, so Hersh.
"In einer Zeit politischer Neuordnung mit der Entstehung von Städten seit dem 12. Jahrhundert diente das geschriebene Wort als Instrument von Verwaltung, Recht und Mission", erklärt Museumsleiter Dr. Martin Kroker. Das Nequambuch stehe exemplarisch für diesen Wandel. Kroker: "Es zeigt, wie Schriftlichkeit zunehmend zum Träger von Autorität und Verbindlichkeit wurde." Von 1315 bis 1421 wurden hier Ächtungen, Verbannungen und Urfehden, eidliche Versicherungen, niedergeschrieben.
Als Exponat der Ausstellung mache das Nequambuch die Zeit des Spätmittelalters anschaulich. Hersh: "Es verweist auf die wichtige Rolle der Städte auch in Westfalen, die nun neben Klöstern als Wissensspeicher auftreten und in denen eine wirtschaftlich und sozial herausgehobene städtische Bürgerschicht zunehmend auch politische Macht ausübt. Das reich verzierte Nequambuch repräsentiert das Selbstverständnis des Stadtrates und zeigt, wie eng wirtschaftliche und politische Macht und schriftliche Überlieferung miteinander verflochten waren."
Kroker: "Mit dem Nequambuch rückt ein seltenes und faszinierendes Objekt in den Mittelpunkt, das Geschichte nicht nur erzählt, sondern greifbar macht mit 13 wunderschönen, zum Teil aber auch grausamen Illustrationen."
Hintergrund: "775 - Westfalen. Die Sonderausstellung"
Von einer rätselhaften Ersterwähnung im Jahr 775 zum Herzogtum über ein Königreich bis zur preußischen Provinz: Westfalen hatte in der Geschichte viele Gesichter. In der Kaiserpfalz in Paderborn wandelt das Publikum an einem Stützpunkt Karls des Großen in den Sachsenkriegen durch Westfalens 1250-jährige Geschichte. Auf rund 1.000 Quadratmetern erleben Besuchende, wie sich Westfalen und seine Menschen über Jahrhunderte hinweg verändert haben. Archäologische Funde, kostbare Handschriften und westfälische Kunst erzählen von Tradition, Identität und Wandel. Zahlreiche interaktive Stationen und das Begleitprogramm laden zum Mitmachen ein.
Allgemeine Informationen zum Museumsbesuch
Eintrittspreise
Erwachsene: 11 €
Ermäßigt: 6 €
Gruppe ab 16 Personen: 9 € pro Person
Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren: frei
Weitere Informationen zur Ausstellung im Internet unter:
https://www.lwl-kaiserpfalz-paderborn.de
https://de-de.facebook.com/museuminderkaiserpfalz/
https://www.instagram.com/lwl_kaiserpfalzmuseum/
Noch bis zum 1. März zeigt das LWL-Museum in der Kaiserpfalz die Sonderausstellung "775 - Westalen" zum 1250-Jubiläum der Region.
Foto: LWL/ B. Mazhiqi
Pressekontakt
Frank Tafertshofer, LWL-Pressestelle, Telefon: 0251 591-235 und Dr. Carolin Steimer, LWL-Archäologie für Westfalen, Telefon: 0251 591-3504
Der LWL im Überblick
Der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) arbeitet als Kommunalverband mit mehr als 21.000 Beschäftigten für die 8,3 Millionen Menschen in der Region. Der LWL betreibt 35 Förderschulen, 20 Krankenhäuser, 18 Museen, zwei Besucherzentren und ist einer der größten Hilfezahler für Menschen mit Behinderung. Er erfüllt damit Aufgaben im sozialen Bereich, in der Behinderten- und Jugendhilfe, in der Psychiatrie und in der Kultur, die sinnvollerweise westfalenweit wahrgenommen werden. Ebenso engagiert er sich für eine inklusive Gesellschaft in allen Lebensbereichen. Die neun kreisfreien Städte und 18 Kreise in Westfalen-Lippe sind die Mitglieder des LWL. Sie tragen und finanzieren den Landschaftsverband, dessen Aufgaben ein Parlament mit 125 Mitgliedern aus den westfälischen Kommunen gestaltet.
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