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14.06.22 | Psychiatrie Das Geheimnis der Kindergräber - Wie gestalten wir inklusive Erinnerungskultur?

Landschaftsarchitektur-Student: innen der TH OWL erstellen Konzepte für Anstaltsfriedhof

Die Student:innengruppe auf dem historischen Anstaltsfriedhof der LWL-Einrichtungen Marsberg.<br>Foto: LWL

Die Student:innengruppe auf dem historischen Anstaltsfriedhof der LWL-Einrichtungen Marsberg.
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Marsberg (lwl). Erinnern ist Arbeiten an der Zukunft. Die Einrichtungen Marsberg des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL) haben ein gemeinsames Projekt mit der Technischen Hochschule OWL ins Leben gerufen. Zusammen mit ihrer Professorin Elizabeth Sikiaridi haben zwölf Student:innen der Landschaftsarchitektur den Anstaltsfriedhof an der Bredelarer Straße im Rahmen eines zweitägigen Workshops besucht.

Begonnen hat der Workshop mit einer historischen Einordnung durch Dr. Jens Gründler vom LWL-Institut für westfälische Regionalgeschichte. "Die Zwangssterilisierungen und Patient:innenmorde in der Klinik während der NS-Zeit waren keine isolierten Ereignisse, sondern müssen im Kontext verschiedener theoretischer Vorläufer gesehen werden", betont er. "Der wichtigste Vorläufer war die Eugenik, also die Idee und Lehre von der Verbesserung des menschlichen Erbgutes durch
verschiedene Maßnahmen." Über die genauen Ausmaße der 'Unruhen' in der Marsberger Bevölkerung über die Vorgänge in der Klinik sei wenig Genaues bekannt, aber "sie führten dazu, dass die Kinderfachabteilung verlegt wurde."

Im Anschluss haben Jens Effkemann und Vanessa Schmolke vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e. V. über Kriegsgräber und ihre einzigartige Bedeutung als Zeitzeugen gesprochen. "Kriegsgräber sind ein Ort der Mahnung und Verständigung", so die beiden Referent:innen. "In Anbetracht des Kriegs in der Ukraine ist unsere Arbeit aktueller denn je." Dabei gehe es nicht nur um die Klärung von Einzelschicksalen bei rund 20.000 Umbettungen pro Jahr, sondern auch um Verständnis, Versöhnung und Akzeptanz bei internationalen Jugendbegegnungen. "Die Gedenkkultur ist ein wichtiger Pfeiler, um den Frieden zu wahren", so Vanessa Schmolke.

In Kleingruppen hatten die jungen Erwachsenen im Vorfeld Impulsreferate zu verschiedenen Gedenkorten wie zum Beispiel die "Varusschlacht - Museum und Park Kalkriese" oder dem Gedenkort "Passagen" für den Philosophen Walter Benjamin gehalten. Im Anschluss an die Vor-träge haben die Student:innen erste Ideen und Konzepte zur Gestaltung einer inklusiven Erinnerungskultur für den Anstaltsfriedhof entwickelt, die sie im Laufe des Semesters weiterentwickeln. Professorin Elizabeth Sikiaridi sagt: "Es ist schön, dass unsere Student:innen die Möglichkeit bekommen, an einem realen Projekt zu arbeiten und so wertvolle Erfahrungen sammeln."


Einladung an alle Interessierten:
Die Online-Präsentation der Ergebnisse findet am Mittwoch (29.6.) um 14 Uhr im Festsaal Weist statt.
Die Präsentation inkl. Diskussion wird voraussichtlich ca. 1,5 bis 2 Stunden dauern. Alle Interessierten sind ganz herzlich dazu eingeladen, die Online-Präsentation gemeinsam im Festsaal mit zu verfolgen. Anmeldungen bitte Julia Hollwedel, Telefon 02992 601-1303, oder E-Mail: julia.hollwedel@lwl.org


Hintergrund:
Im Nationalsozialismus wurde eine Abteilung des St. Johannes-Stifts, Vorgänger des LWL-Klinikums Marsberg, Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie sowie des LWL-Wohnverbundes Marsberg zu einer "Kinderfachabteilung" des "Reichsausschusses zur wissenschaftlichen Erfassung erb- und anlagebedingter schwerer Leiden." In den folgenden Monaten wurden dort etwa 50 Kinder und Jugendliche durch die überdosierte Gabe von Medikamenten gezielt betäubt und getötet. Da-zu kamen regimetreue Schwestern, die sogenannten "braunen Schwestern", von Berlin nach Marsberg. Wegen Unruhen in der Bevölkerung wurde 1941 die "Fachabteilung" in Marsberg geschlossen und nach Dortmund-Aplerbeck verlegt. Der Anstaltsfriedhof gehört zu den ganz wenigen Gedenkstätten mit erhaltenen Gräbern.

Die Landschaftsarchitektur-Studentinnen der Technischen Hochschule Ostwestfalen mit ihrer Professorin Elizabeth Sikiaridi. Deren Friedhofsworkshop ist ein gemeinsames Projekt der Technischen Hochschule Ostwestfalen-Lippe und der LWL-Einrichtungen Marsberg.<br>Foto: LWL

Die Landschaftsarchitektur-Studentinnen der Technischen Hochschule Ostwestfalen mit ihrer Professorin Elizabeth Sikiaridi. Deren Friedhofsworkshop ist ein gemeinsames Projekt der Technischen Hochschule Ostwestfalen-Lippe und der LWL-Einrichtungen Marsberg.
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Pressekontakt

Julia Hollwedel, LWL-Klinikum Marsberg, Telefon 02992 601-1303, julia.hollwedel@lwl.org und Thorsten Fechtner, LWL-Pressestelle, Telefon: 0251 591-235

presse@lwl.org

Der LWL im Überblick

Der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) arbeitet als Kommunalverband mit mehr als 20.000 Beschäftigten für die 8,3 Millionen Menschen in der Region. Der LWL betreibt 35 Förderschulen, 20 Krankenhäuser, 18 Museen, zwei Besucherzentren und ist einer der größten Hilfezahler für Menschen mit Behinderung. Er erfüllt damit Aufgaben im sozialen Bereich, in der Behinderten- und Jugendhilfe, in der Psychiatrie und in der Kultur, die sinnvollerweise westfalenweit wahrgenommen werden. Ebenso engagiert er sich für eine inklusive Gesellschaft in allen Lebensbereichen. Die neun kreisfreien Städte und 18 Kreise in Westfalen-Lippe sind die Mitglieder des LWL. Sie tragen und finanzieren den Landschaftsverband, dessen Aufgaben ein Parlament mit 125 Mitgliedern aus den westfälischen Kommunen gestaltet.

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