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Plakate mit der Aufschrift "gestern, heute, immer"

„Ich hätt‘ nicht gedacht, dass das in Soest so krass war.“

Gedenkstättenprojekt des LWL: "gestern, heute, immer - 17 Gedenkstätten gestalten Zukunft"

Fünf junge Menschen stehen vor einer kleinen Tafel in einer Ausstellung und blicken auf ein altes Foto. „Ey Alter, wer wärst du auf dem Bild?“, fragt Louis* seinen Klassenkameraden Alex. Louis zeigt auf die Menschenmassen auf dem Schwarz-Weiß-Foto vom 1. Mai 1934. Abgebildet sind einige Reihen Soldaten, die im hinteren Teil nicht von Umstehenden zu unterscheiden sind. Auch rings um den großen Platz stehen Menschen, die meisten strecken ihren rechten Arm zum Hitlergruß in die Luft. „Ich hätt‘ nicht gedacht, dass das in Soest so krass war“, murmelt Alex*, während die Gruppe sich dem Raum zuwendet, um andere Aspekte der Ausstellung über den Nationalsozialismus in Soest anzusehen.

*Die Namen der Schüler:innen wurden von der Redaktion geändert.

Louis und Alex sind mit ihrer Jahrgangsstufe 11 vom Städtischen Gymnasium Erwitte in die „Gedenkstätte Französische Kapelle Soest“ gekommen. Die 16- bis 17-Jährigen nehmen dort an einem Workshop teil, den der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) gemeinsam mit den insgesamt 17 NS-Gedenkstätten und Erinnerungsorten entwickelt hat. Das Projekt „gestern, heute, immer - 17 Gedenkstätten gestalten Zukunft" des LWL-Museumsamts setzt auf den Ausbau „nachhaltiger Bündnisse und intensiver Zusammenarbeit in der historisch-politischen Bildung“, erklärt LWL-Kulturdezernentin Dr. Barbara Rüschoff-Parzinger.

An die Gedenkstätte in Soest ist ein Museum für Zeitgeschichte angeschlossen, das die Geschichte der Kriegsgefangenen im Zweiten Weltkrieg im ehemaligen Offizierslager dokumentiert. Die Luft im Ausstellungsraum ist warm und sauerstoffarm – sie atmet Geschichte. Die Jugendlichen können sich nicht von den Objekten und Schicksalen losreißen. Besonders viele Blicke zieht die große Vitrine mit dreckigen Flaschen, Schüsseln und anderen Alltagsgegenständen an. „Die haben hier wirklich gelebt. Das haben Menschen benutzt“, sagt Alex und deutet auf einen verbogenen rostigen Korkenzieher. Über den Nationalsozialismus haben die Schüler:innen schon im Unterricht gesprochen. „Besonders beeindruckend fand ich die persönlichen Schicksale Einzelner“, sagt Niko über die Ausstellung. „Der Junge auf dem Foto - das hätte ich sein können.“

Angesichts aktueller gesellschaftlicher Entwicklungen wollen Guides und Geschichtsvermittler:innen aus den kommunalen Gedenkstätten das Thema Antisemitismus aufgreifen. „Wir Gedenkstätten müssen mit den Schulen sprechen“, sagt Kirsten John-Stucke, stellvertretende Vorsitzende des Arbeitskreises NS-Gedenkstätten und ‑Erinnerungsorte in NRW e.V. „Auch Lehrer:innen sehen Handlungsbedarf“, ergänzt Heike Kropff, Leiterin des LWL-Museumsamts. Sie hat mit ihrem Team im vergangenen Jahr deutschlandweit mit Expert:innen wie der Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus (KIgA) ein Projekt entwickelt, von dem Schüler:innen und Gedenkstätten profitieren sollen. „Mit dem neuen Programm wollen wir wachrufen. Wir müssen zeigen, wie schnell Gesellschaften gefährdet sind“, sagt Rüschoff-Parzinger.

Das neue Projekt des LWL „gestern, heute, immer – 17 Gedenkstätten gestalten Zukunft“ stärke die kommunale Gedenkstätten-Landschaft nachhaltig. Das Konzept vom LWL-Museumsamt antworte damit auf zunehmenden Geschichtsrevisionismus und Rechtspopulismus. Antisemitismus sei das Schwerpunktthema der 24-monatigen Projektlaufzeit, so Kropff.

Arbeitsmaterial sowie Fach- und Methodenwissen bringt der historisch-politische Bildner Henrik Oberhag mit einem Kleintransporter zu den einzelnen NS-Gedenkstätten. Innerhalb von drei Wochen können an jedem Ort der Tour bis zu 18 Workshops mit ihm gebucht werden. Oberhag bildet auch die Ehrenamtlichen vor Ort weiter. „Das Thema Antisemitismus hat im Kontext der französischen Kriegsgefangenen hier nie wirklich eine Rolle gespielt“, sagt Werner Liedmann, Vorsitzender der Geschichtswerkstatt Französische Kapelle e.V. „Das Projekt bereichert unsere Ausstellung.“ Er freut sich besonders über das Interesse der Schulen und den intensiven Austausch mit den Jugendlichen.

Alltagsnahe Probleme gemeinsam angehen

Wie kann ich reagieren, wenn jemand im gemeinsamen Klassen-Chat mit einem Meme antisemitische Stereotype über jüdische Menschen verbreitet? Solche Situationen diskutieren Alex und Niko in Kleingruppen mit ihren Klassenkamerad:innen anhand verschiedener Leitfragen. Als sie im Anschluss die Ergebnisse vergleichen, stellen sie fest, dass es verschiedene Möglichkeiten gibt, auf antisemitische Äußerungen zu reagieren. Ob man überlegt „kontert“, kritisch hinterfragt oder rational informiert, „wichtig ist, dass man klarmacht: Andere Meinungen existieren“, sagt Alex. Oberhag moderiert die Gruppendiskussion und ergänzt: „Es geht darum, zu zeigen: Hier wurde gerade eine Grenze überschritten.“ Er beschreibt auch andere Situationen von Antisemitismus im digitalen Raum, wie zum Beispiel Kommentare von unbekannten Personen und ermutigt die Schüler:innen, verfassungsfeindliche Äußerungen zu melden. 

„Wir sind gerade in der Phase, dass einige Geschichte abwählen“, erzählt Mia. „Deswegen finde ich es gut, dass wir heute gemeinsam hier sind.“ Die Jahrgangsstufe hat einen ganzen Tag in Soest verbracht, bei einer Stadtführung mit historischem Schwerpunkt auf der NS-Zeit die Stadt erkundet und erfahren, warum die Französische Kapelle von Kriegsgefangenen stammt. Auch Rüschoff-Parzinger plädiert dafür, dass junge Menschen reale Erinnerungsorte besuchen: „Mein Besuch in einer NS-Gedenkstätte als Jugendliche hat mich bis heute geprägt.“

Die mobile Infrastruktur des neuen Projekts richtet sich gezielt an alle und stärkt die „Kommunen als Schatz vor Ort“, erklärt Kropff. In den zwei Jahren Projektlaufzeit soll an den einzelnen Gedenk- und Lernorten mit über 200 Workshops gezeigt werden, wie aktuell das Thema Antisemitismus sei. Auf dem Rückweg zum Bus stupst Niko Louis an und fragt nach seiner Familiengeschichte. „Dein Opa, oder?“ Louis antwortet: „Mein Opa war mit 19 bei der…“. Dann schließt sich die Tür, aber das Gespräch geht weiter.

Das Projekt

Insgesamt 17 NS-Gedenkstätten und Erinnerungsorte sowie der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) haben sich zusammengeschlossen, um die Gedenkstätten in der Region zu stärken. Das Projekt setzt auf den Ausbau nachhaltiger Bündnisse und eine intensive Zusammenarbeit in der historisch-politischen Bildung. Mit "gestern, heute, immer - 17 Gedenkstätten gestalten Zukunft" will das LWL-Museumsamt für Westfalen neue Wege der Gedenkstättenförderung erproben. Ein Schwerpunkt des Projekts liegt auf antisemitismuskritischer Bildungsarbeit für Schüler:innen der Jahrgangsstufen 8 bis 12.

"gestern, heute, immer"

Die Projektbeteiligten legten sich auf zwei Formate fest: Workshops für Schüler:innen und Fortbildungen für Mitarbeiter:innen der historisch-politischen Bildung, sogenannte historisch-politische Bildern:innen. Außerdem ist ab Herbst eine Veranstaltungsreihe geplant, die die gegenwärtigen Herausforderungen von Gedenkstätten diskutiert.

Über einen Zeitraum von 17 Monaten fährt der Sprinter des LWL-Museumsamts die 17 Gedenkstätten an, um über 200 Workshops für Schüler:innen durchzuführen. Angeleitet werden die Veranstaltungen von historisch-politischen Bildner:innen des LWL-Museumsamtes und der Gedenkstätten.

Mehr zum Projekt des LWL-Museumsamtes

Porträtfoto von Heike Kropff

„Hier könnte ein Zitat von Frau Kropf stehen - wenn gewünscht....“

Heike Kropff, Leiterin des LWL-Museumsamtes für Westfalen und Initiatorin des Projekt