check-circle Created with Sketch.

Deutsche heben 1945, bewacht von der US-Armee, Gräber für die ermordeten Zwangsarbeiter in Suttrop aus. Foto: National Archives and Records Admi.

Kriegsverbrechen im Sauerland

Massaker kurz vor Kriegsende

LWL-Wissenschaftler:innen dokumentieren die Ermordung von 208 Zwangsarbeitern in der Endphase des Zweiten Weltkriegs.

Im Sauerland wurde zwischen dem 21. und 23. März 1945 eines der größten Kriegsverbrechen in der Endphase des Zweiten Weltkriegs verübt, das außerhalb von Konzentrationslagern und Gefängnissen stattfand. Angehörige der „Division zur Vergeltung“ – ein militärischer Großverband aus Wehrmacht und Waffen-SS – brachten an drei Orten im Arnsberger Wald 208 Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter aus Polen und Russland um. Verantwortlich für die Erschießungen war Hans Kammler, SS-Obergruppenführer und General der Waffen-SS.

Deutsche heben 1945, bewacht von der US-Armee, Gräber für die ermordeten Zwangsarbeiter in Suttrop aus. Foto: National Archives and Records Administration, Washington

Die Verbrechen in Warstein-Suttrop, Meschede-Eversberg und im Langenbachtal bei Warstein waren schon seit 1945 bekannt. Die Historikerinnen und Historiker haben allerdings erst vor einigen Jahren begonnen, sich mit dem Thema zu beschäftigen. Zwei Einrichtungen des LWL waren dabei federführend: 

Das LWL-Institut für westfälische Regionalgeschichte in Münster hat die Hintergründe erforscht und das Ereignis aufgearbeitet, die LWL-Archäologie für Westfalen hat die drei Erschießungsorte eingehend untersucht. Die Forscherinnen und Forscher fanden dabei rund 400 Gegenstände, die in Verbindung mit den historischen Akten den Ablauf der Massaker verstehen halfen. 

Damenschuh gehörte zu den Funden, die den kargen Besitz der Zwangsarbeiterinnen dokumentieren. Foto: LWL/Maria Hahne

Mordkommando im Langenbachtal bei Warstein

Am umfassendsten waren die Funde am Ort der ersten Mordaktion. Im Langenbachtal bei Warstein hatte das Mordkommando Zwangsarbeiterinnen unter einem Vorwand in den Wald geführt, wo sie ihre persönlichen Gegenstände und ihre Kleidung am Straßenrand ablegen mussten. Die Frauen sollten wohl glauben, dass sie ihre Habseligkeiten wieder abholen können, um danach in eine neue Unterkunft zu gehen. Stattdessen wurden die Sachen nach der Ermordung der Zwangsarbeiterinnen an Bedürftige in der Gegend verteilt; das wenige Geld der Opfer stahlen die Soldaten für ihre Divisionskasse.

Fundstücke bei Warstein

Viel Besitz war sowieso nicht zu verteilen: Die Menschen besaßen gerade mal die Kleidung, die sie am Leib trugen, und einige wenige Gegenstände. Die Forscherinnen und Forscher fanden zum Beispiel ein Gebets- und ein Wörterbuch auf Polnisch, Schuhe und Teile der Kleidung wie bunte Knöpfe und Perlen zum Aufnähen oder auch einige Gebrauchsgegenstände wie Geschirr und Besteck.

Den Ablauf der Tat machten auch die Spuren der Täterdeutlich. Im Wald wurden Patronenhülsen gefunden, die belegen, dass die meisten Zwangsarbeiterinnen an einer Bachböschung erschossen wurden, andere aber auch versucht hatten, zu fliehen: Einige Projektile lagen weit verstreut im umliegenden Wald.

Einige Gegenstände wie ein Löffel, eine Mundharmonika, ein Brillenetui und ein Blechfragment wurden an den Orten der Ermordungen wie hier in Meschede gefunden. Foto: LWL/Thomas Poggel

Schweigen und Verdrängung

Unterschiedlicher Umgang mit dem Verbrechen

Die Tat auf der Eversberger Kuhweide blieb so lange geheim, bis die englische Militärbehörde im November 1946 einen anonymen Hinweis erhielt. Die Alliierten sorgten dafür, dass die Toten Ende März 1947 exhumiert und auf dem Waldfriedhof Fulmecke in Meschede beigesetzt werden konnten. Von den Morden bei Suttrop und Warstein wussten die amerikanischen Truppen dagegen schon kurz nach der Befreiung. Der US-Kommandant befahl ehemaligen NSDAP-Mitgliedern aus beiden Orten, die Leichen auszugraben, und ließ die gesamte Bevölkerung einschließlich der Kinder an ihnen vorbeiziehen. Anschließend mussten die ehemaligen „Parteigenossen“ die Toten nahe der Erschießungsstelle bestatten. Um das Verbrechen für die Nachwelt zu dokumentieren, fotografierten und filmten die Amerikaner den gesamten Vorgang.

Ihre letzte Ruhe fanden die ermordeten Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter aus Suttrop und Warstein schließlich im Jahr 1964, als sie ebenfalls auf den Waldfriedhof Fulmecke umgebettet wurden. Dabei konnten einige Menschen anhand ihrer Papiere identifiziert werden, die man – obwohl die gesetzlichen Regelungen es anders vorsahen – am neuen Grabort anonym beisetzte. Zudem verschleierten irreführende Inschriften auf den Erinnerungssteinen den Bezug zur Mordtat.

LWL-Historiker Dr. Marcus Weidner wies auf dem Mescheder Friedhof ‚Fulmecke‘ auf seine ausstehende Neugestaltung hin. Ziel könne sein, die Orte, die im Zusammenhang mit den Mordaktionen stehen, durch Tafeln zu kennzeichnen und im Rahmen eines „Erinnerungspfads“ als zusammenhängende Orte der Zeitgeschichte erfahrbar zu machen. Foto: LWL/Nils Wolpert

„Die Ergebnisse sollen nicht nur die Ereignisse und die Aufarbeitung durch die Justiz nach 1945 dokumentieren“, so der LWL-Historiker Dr. Marcus Weidner. Sie sollen auch für erinnerungskulturelle Projekte eingesetzt werden, etwa der Neugestaltung des Mescheder Friedhofs ‚Fulmecke‘, auf dem Mordopfer heute ruhen. Foto: LWL/Nils Wolpert

In gleichmäßigen Reihen untersuchen Sondengänger die Fundstelle Meschede. Foto: LWL/Manuel Zeiler

Sondengänger auf dem Gebiet bei Warstein

Aufarbeitung für die Zukunft

Die wissenschaftliche Beschäftigung mit den Morden hat mehrere Ziele.

„Die Ergebnisse sollen nicht nur die Ereignisse und die Aufarbeitung durch die Justiz nach 1945 dokumentieren, sondern sollen auch für erinnerungskulturelle Projekte eingesetzt werden, etwa der Neugestaltung des Mescheder Friedhofs Fulmecke, auf dem die Mordopfer heute ruhen", sagt der LWL-Historiker Dr. Marcus Weidner. Ziel könne sein, die Orte, die im Zusammenhang mit den Mordaktionen stehen, durch Tafeln zu kennzeichnen und im Rahmen eines „Erinnerungspfads“ als zusammenhängende Orte der Zeitgeschichte erfahrbar zu machen. Weidner: „Dies jedoch setzte voraus, die Tatorte mit Unterstützung der Archäologie zu verifizieren und die dort vermuteten Hinterlassenschaften der Opfer für die Nachwelt zu bergen.“ Der LWL-Archäologe Dr. Manuel Zeiler bestätigt das: „Begehungen mit Metallsonden und die daran anschließenden archäologischen Ausgrabungen erbrachten nicht nur weiterführende Erkenntnisse zu den Tatorten mit einer Vielzahl an Funden. Diese interdisziplinären und systematischen Forschungen sind bislang bei NS-Tatorten in Deutschland einzigartig.“

Dr. Marcus Weidner, Historiker im LWL-Institut für westfälische Regionalgeschichte, arbeitet die Verbrechen in der Kriegsendphase im Sauerland auf. Bei der Grabung in Suttrop haben die Sondengänger Patronenhülsen und eine Emaille-Schüssel gefunden. Foto: LWL/Kathrin Nolte

Auslage einiger Funde aus dem Langenbachtal bei Warstein. Foto: LWL/Manuel Zeiler

Susanne Bretzel-Scheel, Restauratorin der LWL-Archäologie für Westfalen, reinigt, restauriert und konserviert in der münsterschen Werkstatt einen bei den Grabungen gefundenen Lederschuh. Foto: LWL/Kathrin Nolte

Restaurierung eines Schuhpaars. Fundstelle Warstein. Foto: LWL/Manuel Zeiler

LWL-Historiker Dr. Marcus Weidner, hier an einem der Erschießungsplätze bei Warstein-Suttrop, rekonstruierte mithilfe der gefundenen Objekte und seinen Unterlagen den Tathergang. Foto: LW/Nils Wolpert

Gesellschaftliche Verantwortung

„Wir erleben seit einigen Jahren die Verharmlosung und zunehmende Leugnung der Verbrechen des Zweiten Weltkriegs und der NS-Diktatur“, sagt Löb. „Gerade aber die Mordaktionen sind beispielhaft für diesen Bestandteil unserer Geschichte, dem wir uns stellen müssen.“

Für LWL-Direktor Matthias Löb nimmt der LWL mit seinen Forschungen ganz bewusst eine gesellschaftliche Verantwortung an. Nach über 70 Jahren gelinge es, dieses Verbrechen des Nationalsozialismus in der Endphase des Zweiten Weltkriegs in Deutschland weiter aufzuhellen. Die Forschungsergebnisse seien darüber hinaus substantiell für eine Erinnerungskultur.

Auf der Pressekonferenz stellte LWL-Archäologe Dr. Manuel Zeiler (3.v.r.) einige der Funde vor, die vom Alltag der Zwangsarbeiter zeugen. Hinter den Funden stehen die Redner des Tages: (v.l.) Bürgermeister von Meschede Christoph Weber, LWL-Direktor Matthias Löb, Russlandbeauftragter der Bundesregierung Dirk Wiese, LWL-Archäologe Dr. Manuel Zeiler, Bürgermeister der Stadt Warstein Dr. Thomas Schöne und LWL-Historiker Dr. Marcus Weidner. Foto: LWL/Nils Wolpert

Auf der Pressekonferenz zu den "NS-Verbrechen an Zwangsarbeitern im Sauerland 1945" am 8. März lobte der LWL-Direktor Matthias Löb die Kooperation verschiedener Einrichtungen des LWL und das große Engagement vieler ehrenamtlicher Bürger:innen. Foto: LWL/Nils Wolpert

Dirk Wiese, Russlandbeauftragter der Bundesregierung, begrüßte den Einsatz des LWL. "Es ist wichtig, sich heute noch dieser Verantwortung zu stellen", sagte er. Foto: LWL/Nils Wolpert

Kurzfilm

"NS-Verbrechen an Zwangsarbeitern im Sauerland 1945 - LWL gräbt nach Spuren der über 200 Ermordeten"

Zur Westfälischen Geschichte (noch nicht barrierefrei)

Bildrechte

Die verwendeten Fotos dürfen nur mit Fotonachweis und gemeinsam mit der Pressemitteilung oder dem Thema verwendet werden, in deren Zusammenhang sie veröffentlicht wurden. Eine gesonderte Verwendung der Fotos ist nicht gestattet. Bei Ausstellungen ist die Reproduktion nur im Rahmen der aktuellen Berichterstattung zur Ausstellung erlaubt. Bei einer anderweitigen Nutzung sind Sie verpflichtet, selbständig die Fragen des Nutzungsrechts zu klären.