check-circle Created with Sketch.

St. Johannes-Stift in Marsberg um 1955

Gewalt in der Psychiatrie
------------------------------------
Studie zum St. Johannes-Stift in Marsberg (1945 - 1980)

Gewalt in der Psychiatrie

Studie zum St. Johannes-Stift in Marsberg (1945 - 1980)

In einer mehrjährigen Studie hat der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) anhand authentischer Interview-Schilderungen von 19 Opfern die Psychiatrie- und Gewalterfahrungen von Kindern und Jugendlichen im St. Johannes-Stift in Marsberg in der Zeit von 1945-1980 untersucht. Die mehrjährige Studie belegt , dass die mit zeitweise mehr als 1.100 jungen Menschen belegte Einrichtung nicht nur die größte westfälische Anstalt ihrer Art war: "Sie war auch eine Stätte größten Kinderleids", sagte LWL-Direktor Löb. Quälend lange Jahre ertrugen Jungen und Mädchen ein autoritäres Regime von Ärzten, Pflegern und Nonnen vom Vinzentinerinnen-Orden.

LWL-Direktor bittet Marsberg-Opfer um Entschuldigung

In einer Interview-Studie schildern Betroffene Gewalt und Medikamentenmissbrauch

Matthias Löb, Direktor des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL), hat Psychiatrie-Opfer und ihre Nachfahren um Entschuldigung gebeten. So sagte Löb:

"Sie leiden noch heute unter den Gewalterfahrungen und Misshandlungen in der Nachkriegszeit bis hinein in die 1980er Jahre in kinder- und jugendpsychiatrischen LWL-Einrichtungen - insbesondere im vormaligen St. Johannes-Stift Marsberg im Hochsauerlandkreis."

Der LWL-Direktor nannte es "überfällig, dass seit Jahresbeginn 2017 endlich die Stiftung 'Anerkennung und Hilfe' arbeitet", bei der Betroffene Beratung und finanzielle Unterstützung bekommen können. Diese Angebote haben bei der LWL-Anlauf- und Beratungsstelle, zuständig für Westfalen-Lippe, bislang bereits mehr als 200 Betroffene nachgefragt, berichtete Löb. An der bundesweiten, mit 288 Mio. Euro ausstaffierten Stiftung beteiligt sich der LWL mit 1,6 Mio. Euro, sagte er am Donnerstag (9.2.) in Münster. Darüber hinaus haben sich in den vergangenen vier Jahren 113 Betroffene oder ihre Vertrauenspersonen bei einer eigens eingerichteten LWL-Kontaktstelle "Kinder- und Jugendpsychiatrie 1950er bis 1970er Jahre" mit zwei erfahrenen Fachkräften Unterstützung für die Aufarbeitung ihrer oft nachhaltig traumatisierenden Erlebnisse geholt, fügte LWL-Krankenhausdezernent Prof. Dr. Meinolf Noeker hinzu.

Eine "Stätte größten Kinderleids"

Anlass für Löbs und Noekers Äußerungen war die Vorstellung von neuen Forschungsergebnissen des LWL-Instituts für westfälische Regionalgeschichte zum Thema "Psychiatrie- und Gewalterfahrungen von Kindern und Jugendlichen im St. Johannes-Stift in Marsberg (1945-1980). Anstaltsalltag, individuelle Erinnerung, biographische Verarbeitung" vor Betroffenen und Experten im münsterischen LWL-Landeshaus. Die mehrjährige Studie belegt anhand authentischer Interview-Schilderungen von 19 Opfern, dass die mit zeitweise mehr als 1.100 jungen Menschen belegte Einrichtung nicht nur die größte westfälische Anstalt ihrer Art war: "Sie war auch eine Stätte größten Kinderleids", sagte LWL-Direktor Löb. Quälend lange Jahre ertrugen Jungen und Mädchen ein autoritäres Regime von Ärzten, Pflegern und Nonnen vom Vinzentinerinnen-Orden. Alltägliche körperliche Züchtigung, seelische Gewalt, sexueller Missbrauch, Ruhigstellung und Verwahrung statt Behandlung - auf erschütternde Weise hätten die vom LWL beauftragten Historiker durch die Betroffenen-Schilderungen und den Abgleich mit weiteren Quellen diese seit längerem angeprangerten Verhältnisse bestätigt gefunden, so Löb weiter.
 

Leben und Lernen in der Marsberger Kinder- und Jugendpsychiatrie im Zeichen der Religiosität. Schulunterricht 1955. Foto: LWL/Hild

Medikamentenmissbrauch weit verbreitet

In ersten Ansätzen haben die beiden Hauptautoren der Studie, die Historiker Prof. Dr. Franz-Werner Kersting (LWL-Institut) und Prof. Dr. Hans-Walter Schmuhl (Uni Bielefeld), auch Hinweisen auf Medikamentenmissbrauch an den jungen Schutzbefohlenen nachgespürt. Ihr Zwischenergebnis: "Unsere Interviewten geben vielfältige und bedrückende Schilderungen missbräuchlichen Medikamenteneinsatzes."

Sedativa und Neuroleptika seien auch in Marsberg vielfach ohne ärztliche Anweisung, in hohen Dosen und oft unter Zwang verabreicht worden - so wie es bis in die 1970er Jahre hinein fast überall in der Kinder- und Jugendpsychiatrie, in Einrichtungen für behinderte Kinder und in Fürsorgeerziehungsheimen verbreitet war. Primäres Ziel: "Kinder und Jugendliche ruhigzustellen und so den Betrieb auf den Stationen auch mit einer dünnen Personaldecke aufrechtzuerhalten", so die Historiker. Betroffene hätten die Sedierungen ebenso "als Strafe für unangepasstes und widerständiges Verhalten empfunden" wie medizinisch verbrämte Schocktherapien, etwa Kaltwasserbäder, Fixierungen oder Isolierungen.

Weiter forschen zu Arzneimitteltests

Dagegen haben die LWL-Forscher bislang keine Anhaltspunkte für Medikamententests oder -studien in LWL-Einrichtungen gefunden, wie sie andernorts im vergangenen Herbst bekannt geworden waren. Diese vorläufige Fehlanzeige zu fragwürdigen Arzneimittel-Versuchsreihen treffe sowohl auf damalige Jugendhilfe-Heime als auch auf kinder- und jugendpsychiatrische LWL-Einrichtungen zu.

Um jedoch derlei Praktiken zwischen Pharmafirmen und Einrichtungsärzten vor der Markteinführung eines Medikaments und ohne Einwilligung der Erziehungsberechtigten für westfälische Kinder- und Jugendpsychiatrien, -Heime und Behindertenhilfeeinrichtungen zuverlässig ausschließen zu können, schlagen die LWL-Historiker Anschlussforschungen vor. Nach den nun vorliegenden Aufarbeitungen der Lebenswirklichkeiten insgesamt in den damaligen "totalen Institutionen" könne sich eine zunächst sondierende und explorative Studie "Medikation und Gewalt" speziell sowohl dem alltäglichen Medikamentenmissbrauch wie auch der "qualitativ neuen Dimension gezielter ärztlich-pharmazeutischer Versuche" widmen.

LWL-Forschungsprojekt Psychiatrie im St. Johannes-Stift in Marsberg (1945 - 1980)

Anstaltsalltag, idividuelle Erinnerung, biographische Verarbeitung.

Studien zu Gewalt- und Missbrauchserfahrungen von Kindern und Jugendlichen in Fürsorgeerziehungsheimen von der Nachkriegszeit bis in die 1980er Jahre hinein sind zahlreich. Nun steht seit einigen Jahren im Fokus der geschichtswissenschaftlichen Forschung das Leid derjenigen Menschen, die im gleichen Zeitraum in Einrichtungen der Kinder- und Jugendpsychiatrie sowie der Behindertenhilfe untergebracht waren.

Eine Ordensschwester beim Röntgen einer Patientin, St. Johannes-Stift Marsberg, 1955. Foto: LWL/Hild

Auch der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) arbeitet dieses Thema aus seiner eigenen Vergangenheit als Einrichtungsträger auf. Das 2013 von LWL-Politik und -Verwaltungsspitze auf den Weg gebrachte Projekt „Psychiatrie- und Gewalterfahrungen von Kindern und Jugendlichen im St. Johannes-Stift in Marsberg (1945 -1980). Anstaltsalltag, individuelle Erinnerung, biographische Verarbeitung“ untersuchte anhand von Zeitzeugenberichten das Unrecht in der seinerzeit größten kinder- und jugendpsychiatrischen Einrichtung des Verbandes. Im Mittelpunkt der Forschungen von Prof. Dr. Franz-Werner Kersting, Historiker am LWL-Institut für westfälische Regionalgeschichte, und Prof. Dr. Hans-Walter Schmuhl, Historiker an der Universität Bielefeld,standen die subjektive Perspektive der Betroffenen sowie deren eigene lebensgeschichtliche Wahrnehmung. Zunächst unter der Leitung des vormaligen Institutsleiters Prof. Dr. Bernd Walter, inzwischen im Ruhestand, und unter maßgeblicher Mitarbeit der Historikerin Britta Möwes wurden 19 Interviews mit Betroffnen geführt.

Die Interviews sowie entsprechende Verwaltungs- und Patientenakten werteten Kersting und Schmuhl aus. Auf dieser Basis untersuchten sie die Rahmenbedingungen, die zur Herausbildung einer Struktur der Gewalt im St. Johannes-Stift im sauerländischen Niedermarsberg führten. Weiter analysierten die beiden Historiker die Situationen, in denen es zu gewalttätigen Handeln kam, das Spektrum der Gewaltformen sowie die Verarbeitung der Gewalterfahrungen in den jeweiligen Lebensgeschichten der Opfer. Ihre Erkenntnisse ordneten die Wissenschaftler in einen theoretischen Rahmen ein.

Blick in einen Schlafsaal des Marsberger St. Johannes-Stifts, 1955. Foto: LWL/Hild

Das Marsberg-Projekt führt eine ganze Reihe kritischer Ausleuchtungen und Aufarbeitungen dunkler Kapitel der LWL-Historie durch sein regionalgeschichtliches Institut fort.

Beleuchtet werden zum Beispiel:

  •  Rolle seiner Psychiatriekliniken bei Zwangssterilisationen, Deportationen und Morden (Stichwort NS-„Euthanasie“) an behinderten und seelisch kranken Menschen
  •  Geschichte der Heimerziehung 1945 bis 1980
  •  Biographie des NS-Täters und seinerzeitigen Landeshauptmanns Kolbow

Die Aufarbeitung setzt Impulse für verbandspolitische und erinnerungskulturelle Leitgedanken, die sich etwa in der Schaffung lokaler Erinnerungsorte (Mahnmale, Gedenkstätten, Stolpersteine usw.),in materiellen und immateriellen Wiedergutmachungshandlungen oder in der zeitgeschichtlichen Debattenbeteiligung (Beispiel historisch belastete Straßennamen) niederschlagen.

Projektergebnisse im Detail

Finden Sie hier hier die Ergebnisse des Projektes "Psychiatrie- und Gewalterfahrungen von
Kindern und Jugendlichen im St. Johannes-Stift in Marsberg (1945 – 1980)".

Projektergebnisse (nicht barrierefreies PDF)

Ansicht des Gebäudes St. Johannes Stift in Marsberg von außen, Foto von 1955

Die LWL-Kontaktstelle Kinder- und Jugendpsychiatrie

Viele Opfer woll(t)en vor allem eines: endlich Gehör finden, endlich ernst genommen werden!

Für Betroffene richtete der LWL im Jahr 2013 die „Kontaktstelle Kinder-und Jugendpsychiatrie 1950er bis 1970er Jahre“ ein und machte sie publik. Bis heute haben sich bei den bei den erfahrenen Ansprechpersonen (Sozialarbeiterin, Sozialarbeiter) dort 113 Menschen (32 Frauen, 81 Männer) gemeldet, unter ihnen auch Angehörige oder Bekannte einstiger Opfer. Rund 90 Prozent der Anfragen und Meldungen betrafen das damalige St. Johannes-Stift.

Was leistet die Kontaktstelle?

  • Die Kontaktstelle führt Gespräche mit diesen Betroffenen
  • Sie steht für die – soweit noch möglich – Beschaffung und, wenn gewünscht, die gemeinsame Durchsicht der Krankenakten zur Verfügung, die viele der ehemaligen Patienten einsehen wollen – und sei es vor allem erst einmal zum Begreifen ihres leidvollen Lebensschicksals.
  • Erstberatungen zu den beiden Entschäddigungswegen für Betroffene, nämlich zum seit 2012 eingerichteten Heimkinderfonds sowie zu Leistungen aus der seit Anfang 2017 arbeitenden Stiftung „Anerkennung und Hilfe“.
  • Nicht zuletzt unterstützten die beiden Kontaktstellen-Fachleute die Historiker aus dem Marsberg-Projekt bei der Anbahnung und teilweisse auch der Durchführung ihrer Betroffenen-Interviews.

LWL-Kontaktstelle Kinder-und Jugendpsychiatrie

LWL-Abteilung für Krankenhäuser und Gesundheitswesen
LWL-PsychiatrieVerbund Westfalen

Jeannette Kopf-Klaverkamp

Hörsterplatz 2
48147 Münster

jeannette.kopf-klaverkamp@lwl.org

Tel: 0251 591- 3862

Fax: 0251591-6595

Icon eines Telefons

LWL-Kontaktstelle Kinder-und Jugendpsychiatrie

LWL-Abteilung für Krankenhäuser und Gesundheitswesen
LWL-PsychiatrieVerbund Westfalen

Heiko Winnemöller

Hörsterplatz 2
48147 Münster

heiko.winnemoeller@lwl.org

Tel: 0251 591- 6806

Fax: 0251591-6595

Icon eines Telefons

Stiftung „Anerkennung und Hilfe“

Sie soll Menschen helfen, die als Kinder und Jugendliche in den 1950er, 60er und 70er Jahren in der Bundesrepublik Deutschland Leid und Unrecht in stationären Einrichtungen der Behindertenhilfe und der Psychiatrie erfahren haben.

Die neue Stiftung „Anerkennung und Hilfe“ arbeitet seit Jahresbeginn 2017. Die Stiftungsmittel von bundesweit insgesamt 288 Millionen Euro tragen Bund, Länder und Kirchen, vergleichbar dem 2012 aufgelegten Entschädigungsfonds für ehemalige Heimkinder. Am Anteil des Landes Nordrhein-Westffalen beteiligen sich die beiden Landschaftsverbännde Rheinland (LVR) und Westfalen (LWL) mit jeweils 1,6 Mio. Euro. Außerdem haben LWL und LVR in Münster und Köln Anlauf-und Beratungsstellen für Betroffene eingerichtet. Für Nordrhein-Westfalen rechnen die Stiftungsverantwortlichen mit schätzungsweise 3.300 Betroffenen.

Bei den Anlauf-und Beratungsstellen bekommen die Betroffenen über Gesprächsangebote zur Aufarbeitung ihres Schicksals hinaus pauschale Geldleistungen von 9.000 Euro. Eine zusätzliche Rentenersatzleistung von bis zu 5.000 Euro kann erhalten, wer in einer Einrichtung „dem Grunde nach“ sozialversicherungspflichtig gearbeitet hat, ohne dass jedoch Sozialversicherungsbeiträge gezahlt wurden.

LWL-Landesjugendamt

LWL-Anlauf- und Beratungsstelle

Tim Andreas-Werner
Warendorfer Straße 21-23
48145 Münster

tim.andreas-werner@lwl.org

Tel: 0251 / 591-4290

Telefon Icon